Mehr Applaus für Absurdität

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(c) Thorben Wengert/pixelio.de

Auf ihrem Blog Sätze & Schätze hatte Birgit Böllinger kürzlich die Rubrik #MeinKlassiker gestartet, in der sie die Klassiker der Weltliteratur den Lesern ans Herz legen möchte, damit diese neu entdeckt werden. Ich durfte mich ebenfalls an diesem großartigen Projekt mit einem Beitrag beteiligen (Daniel Engel wartet auf Godot) und habe meinen Lieblingsklassiker vorgestellt, Samuel Becketts Warten auf Godot:

Ein einziges Mal war ich bisher im Theater. Ich wollte mich auf diese darstellende Kunstform einlassen, mit der ich fremdelte. Als der Vorhang zur Pause fiel, herrschte Stille – während ich zustimmendes Klatschen erwartete. Nach der Pause blieben einige Plätze frei, ein Teil des Publikums trat lieber den Heimweg an, als sich den zweiten Teil anzuschauen. Es ist wohl eine durchaus übliche Reaktion für Aufführungen von Samuel Becketts Warten auf Godot. Doch warum zählt dieses herausragende Werk sowohl auf der Bühne als auch als Buch zu den vielleicht am meisten verschmähten Klassikern? Das 1952 veröffentlichte Buch des Literaturnobelpreisträgers ist sein Opus magnum (1953 als Theaterstück uraufgeführt) und war nicht weniger als eine Revolution. Beckett prägte eine neue Gattung, das absurde Theater – und zugleich eine neue Gattung Leser und Theaterpublikum. Nach diesem Werk ist man nicht mehr der gleiche Rezipient. Allerdings gibt es sowohl die Leser, die hiernach die Schönheit der Sprache und des Absurden lieben, als auch jene, die noch weniger Zugang zu diesem komplexen Stoff finden.

Rein formal ist Warten auf Godot bloß eine Tragödie in zwei Akten. Die Sprache kommt laut Literatur- und Theaterkritiker Joachim Kaiser vordergründig als „banale Geschwätzigkeit, gelegentliche Witzelei, […] ein sentimentales ceterum censeo“ daher – und nichtsdestotrotz schließt er genau daraus die Genialität Becketts. Hier kann man eigentlich nur in einem Punkt leicht widersprechen: Godot ist nicht nur eine gelegentliche Witzelei; man sollte es zunächst durchweg als Komödie lesen, das erleichtert den Zugang ungemein. Und erst beim Reflektieren kann man in das Existenzielle dieses Werkes eintauchen. Genau deshalb lohnt das aufmerksame – und auch wiederholte – Lesen. Bei jeder weiteren Lektüre spürt man zuvor unbeachtete Wendungen auf, weitere scharfsinnige Witzeleien, und kann einzelne Stellen neu für sich entdecken.

Das Konstrukt des Stückes ist wahrscheinlich vielen bekannt. Wladimir und Estragon treffen sich an einem vereinbarten Ort und warten auf Godot. Sie befinden sich in einer „schaudervollen Situation“: mit Lumpen bekleidet, warten sie vergeblich an diesem unwirschen Ort. Hierin liegt die Raffinesse von Warten auf Godot: So wenig, wie oberflächlich betrachtet in der Geschichte geschieht, so viel Spielraum wird dem Leser gewährt. Jeder Mensch kann seine eigene Geschichte hineinlesen und sich auch ein Stück weit in die Konstellation hineinversetzen. Achten wir genauer darauf, bestimmt das Warten unseren Alltag wie kaum eine andere Begebenheit. Das Warten an sich ist ein mannigfaltiges Ereignis. Es ist verbunden mit Hoffnungen, Erwartungen, aber auch Ängsten und Ungewissheit. So ist es bei Beckett logischerweise die Hoffnung Wladimirs und Estragons darauf, dass Godot erscheinen wird.

Die Vielzahl an Interpretationsvariationen und -versuchen macht das Stück zwar einerseits nicht direkt greifbar, man bekommt keine unmissverständliche Deutung vorgekaut; andererseits ermöglicht es jedem Leser eine eigene Interpretation. Sehr beliebt ist die Variante, dass Estragon und Wladimir die Menschheit im Gesamten verkörpern, während Godot für Gott steht („Estragon lebhaft: Wir sind nicht von hier, mein Herr. | Pozzo bleibt stehen: Sie sind aber doch menschliche Wesen. Er setzt seine Brille auf. Wie ich sehe. […] Von derselben Gattung wie Pozzo! Göttlicher Abstammung!“). Eine weitere häufige Interpretation besagt, dass es sich bei den Beiden um Flüchtlinge handelt, die auf ihren Retter (womöglich heutzutage: ihren Schleuser) warten. Denn insbesondere die Menschen, die auf der Flucht sind, kennen das schmerzliche Leid des (unerfüllten) Wartens wohl wie keine andere Menschengruppe. Zunächst warten sie in der Heimat auf eine Verbesserung der Situation; dann warten sie auf Hilfe; sie warten auf die Person oder die Gelegenheit, die sie aus der Situation befreit; sie warten auf die Ankunft am Ort der Hoffnung; sie warten auf eine Bleibe; sie warten auf Bleibebescheide und Arbeitserlaubnis. Becketts Werk ist aktueller denn je, selbst Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung – oder hat womöglich nie an Aktualität verloren.

Warten auf Godot ist ein Stück jenseits jeglichen Zeitgeistes: grotesk, naiv, unangepasst und so herrlich selbstironisch („Estragon: Es passiert aber auch gar nichts. | Pozzo untröstlich: Langweilen Sie sich? | Estragon: Kann man wohl sagen. | Pozzo zu Wladimir: Und Sie, mein Herr? | Wladimir: Es ist kein reines Vergnügen. | Schweigen.“). Wladimir beschreibt eigentlich ziemlich gut, wie sich womöglich viele nach dem Lesen fühlen: „Wie soll man’s sagen? Erleichtert und zugleich… Er sucht… zerschmettert. Emphatisch. Zer-schmet-tert.“ Doch vielleicht sollte man mit weniger Verunsicherung an das Stück herangehen, sondern vielmehr mit Leichtigkeit und Offenheit. Und auch ein wenig indirekte Kritik des Autors an den Rezipienten darf erlaubt sein, wenn Wladimir feststellt: „So ist der Mensch nun mal: er schimpft auf seinen Schuh, und dabei hat sein Fuß schuld.“

Wer die tiefgründige Absurdität Becketts einmal kennen und vielleicht sogar schätzen gelernt hat, liest viele Geschichte – vor allem die verrückten – mit einem ganz anderen Blick für das Spiel mit der Sprache. Warten auf Godot hätte deshalb wesentlich mehr Applaus verdient, als viele Leser dem schmalen Werk zugestehen möchten.

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Ein Kommentar zu “Mehr Applaus für Absurdität

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