Wenn Menschen zur Ware werden

Rezensionsexemplar: Andrej E. Skubic – Spiele ohne Grenzen

Andrej Skubic Spiele ohne Grenzen Voland Quist Rezension Buecherherbst Buecherblog neu2Viele Menschen sind inzwischen abgestumpft, wenn sie Meldungen über gekenterte Flüchtlingsboote lesen. Es gehört zum Alltag, ohne außergewöhnliche Beachtung zu finden. Das Drama erscheint weit weg. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass vor allem auf der gefährlichen Route über das Mittelmeer gen Europa wöchentlich, vielleicht sogar täglich dutzende oder tausende Menschen sterben. Sie sitzen in völlig überfüllten, instabilen Booten, tragen qualitativ minderwertige Rettungswesten, die ihnen Hilfe im Überlebenskampf lediglich vorgaukeln. Es gibt keinen europäischen Plan, wie man das oftmals tödliche Überqueren des Meeres verhindern kann, beispielsweise durch wirkliche Hilfe und Aufklärung vor Ort. Stattdessen werden immer mehr und immer höhere verbale und rechtliche Mauern erbaut, um Europa vor den Flüchtlingen aus Afrika zu „schützen“. Eigentlich geht es vor allem darum, die eigenen Volkswirtschaften nur den Menschen offen zugänglich zu halten, die per göttlichem Glücksprinzip innerhalb der eigenen europäischen Staatsgrenzen geboren wurden.

Dass das Ende der Unmenschlichkeit innerhalb der Abschottungspolitik noch nicht erreicht sein muss, zeigt Andrej E. Skubic eindrucksvoll in Spiele ohne Grenzen. Während weiterhin fast täglich Menschen versuchen, aus Afrika per Boot in Richtung Europa zu gelangen, hat die Europäische Union das Flüchtlingsproblem privatisiert: Das heutzutage noch durchaus übliche Vorgehen vieler NGOs, die gekenterten Menschen zu retten und in einen sicheren europäischen Hafen zu bringen, ist in Skubics Novelle nur mit spezieller Konzession möglich und vor allem den Italienern vorbehalten. Alle Anderen gehen auf die Suche nach den übrig gebliebenen Leichen, um sie zusammen mit ihren Habseligkeiten aus dem Meer zu fischen – und damit wird dank lukrativer EU-Subventionen Geld verdient. Das Elend der Menschen wird ausgenutzt und die Profitgier auf die Spitze getrieben.

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Büchertipps statt Böllerwahn

Buchtipps BuecherstattBoeller Buecherherbst BuecherblogEs ist kein Geheimnis, dass ich nicht viel von der ganzen Böllerei rund um Silvester halte. Abgesehen von den Gefahren (#illegaleBöller) einerseits sowie der Vorstellung andererseits, wie viele sinnvolle Projekte man mit diesem ganzen verfeuerten Geld unterstützen könnte, verstehe ich ohnehin nicht, warum in einer ganzjährig lauten Welt das Jahresende mit einem noch lauterem Knall beendet respektive das neue Jahr begonnen werden sollte. Warum kann nicht einfach die Ruhe gefeiert werden? Anstatt zu Jahresbeginn Kraft zu tanken, um wichtige oder schöne Vorhaben anzugehen, wird in Übermaß Geld ausgegeben für wenige Sekunden „Spaß“.

Für alle Menschen, die sich das Geld gespart haben und lieber das Neue Jahr mit guten Büchern beginnen möchten, habe ich ein paar Buchtipps für den Start in 2018. In einer immer stärker politisierten Welt – und auch einer stark politisierten und polarisierten deutschen Gesellschaft – sind meine Empfehlungen ebenfalls durchaus politisch. Was die Bücher sowie den Jahreswechsel eint: Ein Neuanfang hält viele neue Chancen bereit.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Robert Menasse Hauptstadt Rezension Buecherherbst Buecherblog Suhrkamp EU

(c) Suhrkamp

Beginnen möchte ich mit dem besten Roman des Jahres – und das nicht nur, weil er mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde: Robert Menasses Die Hauptstadt (Europa am Scheideweg: Utopie oder Ruine). So leidenschaftlich wie der österreichische Autor hat zuvor niemand in Romanform für Europa geworben. Das auf Ewigkeit angelegte Friedensprojekt befindet sich fraglos in seiner schwersten Phase der Nachkriegszeit. Menasse zeigt das schwerfällige Europa und lässt zugleich von einer progressiven Zukunft Europas träumen.

Carolin Emcke – Gegen den Hass

Carolin Emcke Gegen den Hass Fischer Verlag Buecherherbst Buecherblog

(c) S. Fischer

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