„Nullkomfort und skurrile Begegnungen“

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(c) Dorothea Jacob/pixelio.de

Neue Woche, neue Bücher. Auf der Suche nach lesenswerten Neuerscheinungen habe ich wieder einmal die Rezensionen der vergangenen Tage durchblättert – meine Wunschliste wird einfach nicht kürzer. Falls ihr auch auf der Suche nach neuem Lesestoff seid, hier eine Auswahl an Rezensionen der vergangenen Tage:

„Jeder Mensch ist in einen Weltbürgerkrieg verwickelt. In seinem Buch Stasis geht der Philosoph Giorgio Agamben auf die Ursprünge von Bürgerkriegen ein – zurück bis in die Antike.“ (Deutschlandradio Kultur)

Rezensionen Buecherherbst Buecherblog Wigald Boning Pixelio

Wigald Boning (c) Helen Krüger (Own work) [CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons]

„Mehr als ein halbes Jahr, von August bis März, hat der bekannte TV-Entertainer Wigald Boning draußen im Zelt an allen möglichen Orten und Un-Orten übernachtet. Er hat sich dem Wetter, Nullkomfort und skurrilen Begegnungen ausgesetzt. Seine Abenteuer beschreibt er in dem Buch Im Zelt. Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen“ (NDR)

„Hier ist theoretischer Jargon Programm: Judith Butler zerbricht sich den Kopf über öffentliche Versammlungen und entdeckt eine Verkörpertheit des Volkes. Gibt es irgendjemanden, der das versteht?“ (Frankfurter Allgemeine) Weiterlesen

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Vielleicht nur ein Missverständnis

Rezension Bodo Kirchhoff Widerfahrnis - Buecherherbst Buecherblog dbp16 fbm16

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Preisgekrönt. Dieses Attribut weckt Erwartungen. Immerhin sagt es aus, dass eine zumeist fachkundige Jury es für besonders ausgezeichnet und deshalb auszeichnungswert hält. Nicht anders ist es auch beim Deutschen Buchpreis. Die Jury stellt aus zahlreichen eingereichten Werken eine Longlist auf, extrahiert eine sechsbüchige Shortlist und kürt hieraus einen Preisträger. Es spricht also eine Menge dafür, sich diesem Buch hinreichend hinzugeben. Doch manchmal endet es auch in einem Missverständnis: Der Autor erreicht den Leser nicht, der Leser versteht den Autor nicht.

In diesem Jahr wurde die Ehre des Buchpreises Bodo Kirchhoff mit seiner Novelle Widerfahrnis zuteil. Grund genug, sich dem Werk zu nähern – immerhin wurde es schon vorab im Feuilleton gefeiert: „mitreißend“, „virtuos“, „Wahnsinnsbuch“. Bis zum Schluss bleibt es jedoch ein Rätsel, wieso die Geschichte nicht richtig zu verfangen weiß. Kirchhoff gibt neben seiner Autorentätigkeit selbst Schreibkurse. Er sollte also wissen, wie man den Leser in eine Erzählung hineinzieht. Weiterlesen

Rezensionen im Feuilleton

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Jede Woche erscheinen zahlreiche neue Bücher. Sie alle zu kaufen, geschweige denn zu lesen, ist (eigentlich) unmöglich. Deshalb suche ich mir stets die für mein Leseinteresse spannendsten Neuerscheinungen aus den Vorschauen heraus und packe sie auf meine Wunschliste. Um einen groben Überblick und auch andere Einschätzungen zu erhalten, lese ich mir immer einige Rezensionen durch. Falls ihr auch auf der Suche nach neuem Lesestoff seid, hier eine
Auswahl an Rezensionen der vergangenen Tage:

Geister Nathan Hill Rezension Buecherherbst Buecherblog Piper

(c) Piper

„Gespenstisch nah an Amerikas Wirklichkeit: Geister von Nathan Hill, aus dem Englischen von Katrin Behringer und Werner Löcher-Lawrence“ (NDR)

„Von Leben, Tod und Fusselrollern: Don DeLillo wird am Sonntag 80 Jahre alt. Und ist noch immer auf der Höhe der Zeit, wie sein neuer Roman Null K eindrucksvoll zeigt.“ (Frankfurter Rundschau)

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Der Fremde im eigenen Körper

melle-welt-im-ruecken-rezension-buecherherbst-buecherblog-fbm16-dbp16Wann ist ein Film oscarreif? Wann hat ein Kunstwerk das Praemium Imperiale verdient? Wann ist ein Buch buchpreiswürdig? Nicht zuletzt bei der Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan wurde vortrefflich darüber gestritten, ob eine literarische Auszeichnung einem Musiker verliehen werden darf. Und auch nach der Bekanntgabe der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gab es durchaus zahlreiche kritische Stimmen, dass einige der Werke nicht den Ansprüchen einer solchen Prämierung gerecht würden. So hat kürzlich Maxim Biller im Literarischen Quartett unter anderem auch Thomas Melles Werk Die Welt im Rücken als literarisch vollkommen wertlos dargestellt. In dem Buch finden sich sicherlich durchaus von der Literaturkritik zu beanstandende Elemente, beispielsweise, dass der Handlungsstrang nicht zwingend stringent ist, es womöglich nicht ganz so leicht ist, Zugang zum Erzähler zu erhalten, oder auch die fließende Grenze zwischen Roman und Sachbuch. Nichtsdestotrotz hat Die Welt im Rücken einen kaum zu ermessenden Wert: Der Autor setzt sich mit dem eigenen, für viele Menschen kaum begreiflichen und kaum bekannten Krankheitsbild der Bipolarität auseinander und holt die Krankheit sowie die Betroffenen aus einer dunklen Ecke, um die viele Menschen einen weiten Bogen machen. Er schneidet sich bei lebendigem Leib seine kranke Seele heraus und stellt sie in einem Schaufenster öffentlich aus. Für diesen mutigen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit hat Thomas Melle den Deutschen Buchpreis verdient.

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Bittersüße Suche nach Liebe und Glück

thommie-bayer-seltene-affaeren-buecherherbst-buecherblog-rezension-piper-romanPeter Vorden betreibt im französischen Luxeuil-les-Bains gemeinsam mit George und Magali ein Restaurant, zumindest von Montag bis Donnerstag. Er ist finanziell unabhängig, weil er von seinem Stiefvater eine große Hinterlassenschaft geerbt hatte. Deshalb könnte er von Freitag bis Sonntag das Leben, das er in Deutschland verbringt, einfach genießen. Er könnte die Strapazen der Arbeitswelt hinter sich lassen. Doch er hilft stattdessen lieber seinem Zwillingsbruder Paul aus der Patsche. Dieser ist Schriftsteller, allerdings ein eher wenig erfolgreicher, da er kaum mit seiner Zeit und den Abgabeterminen zurecht kommt. Deshalb schreibt Peter Geschichten für ihn, erfolgreiche Geschichten („Mein richtiges Leben, das, in dem meine Fantasie und Erfahrung eine Rolle spielten, wartete am Wochenende auf mich.“). Thommie Bayer erzählt in seinem Roman Seltene Affären von zwei Menschen mit gleichen Interessen und gleicher Sozialisation, deren Lebensidee jedoch an einem Punkt im Leben auf einmal auseinander driftet und sie sich völlig unterschiedlich entwickeln: „Ich weiß nicht, wer von uns beiden zuerst die Idee hatte, Schriftsteller werden zu wollen, vielleicht Paul, vielleicht auch ich. Wir lasen, seit wir das konnten, ein Buch nach dem anderen. Wahllos und gierig. […] Und irgendwann fingen wir an, die Geschichten zu korrigieren, uns gegenseitig zu erklären, was wir anders gemacht hätten, was eigentlich hätte passieren müssen und wie man etwas besser hätte ausdrücken können. Paul blieb dabei, ich verzettelte mich, er schrieb und schrieb, und ich jobbte und reiste und kiffte und bildete mir ein, frei zu sein, weil ich wie ein Schaustellergehilfe lebte.“ Weiterlesen

Die groteske Welt eines Teenies

tagert-mitarbeiter-des-monats-buecherblog-buecherherbst-rezension„Besonders im Fokus […] stehen oft die Schwierigkeiten von Paarbeziehungen und der Mensch als Teil einer rigiden Konsumgesellschaft. Ängste, Depressionen, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, andererseits Widerstand und Protest gegen die Gesellschaft und immer wieder die Liebe als zentrales Motiv sind wichtige Begriffe“ (Wikipedia). Treffender als mit der Beschreibung des Stils der Band Blumfeld – eine 1990 gegründete Popband, die sich nach Franz Kafkas Blumfeld, ein älterer Junggeselle benannt hatte – könnte der Leitgedanke in Fil Tägerts (eigentlich: Philip Tägert) zweitem Roman Mitarbeiter des Monats kaum skizziert werden. Der Autor hat diese gedankliche Brücke durchaus beabsichtigt, immerhin lässt er im Laufe der Geschichte einen seiner Protagonisten vorschlagen, die Band, in der dieser gemeinsam mit dem Ich-Erzähler spielt, eben in Blumfeld umzubenennen.

Was war ich für eine sinnlose Figur. Die sinnloseste Figur des Universums.

Schon früh in der Geschichte wird deutlich, wohin die Reise gehen soll: Hauptprotagonist Nick ist zum Zeitpunkt der Erzählung (1970er und 1980er Jahre) ein gerade der Pubertät entsprungener 19-jähriger Punk, der nach seinem Schulabschluss nicht viel auf die Kette bekommt und bei McDonalds jobbt. Er hat wenig Lust auf seine Arbeit, bei den Frauen kommt er eher mittelmäßig an und selbst nach fünf Jahren kann er noch nicht Skateboard fahren. Am liebsten hängt er mit seinen Freunden herum, Burner, Milbe, Rocky und La Boum – letzterer Name übrigens eine Reminiszenz an die französische Teenager-Komödie La Boum (1980), die von Freundschaft und den Gefühlswelten von Jugendlichen handelt. Weiterlesen

Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein

alex-capus-leben-ist-gut-buecherherbst-buecherblog-rezension-prisman-hanser-verlagAlex Capus stand wahrscheinlich eines Abends in seiner Kneipe, schenkte das eine oder andere Getränk aus, lauschte den Geschichten der Stammgäste und fühlte tiefstes Wohlbehagen. Dies könnte ihn dazu gebracht haben, ein Buch über dieses Empfinden zu schreiben. Über die Begegnung zwischen Menschen, über Freundschaft, Zuneigung und die innere Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Das Leben ist gut ist ein langer Liebesbrief an das Zwischenmenschliche und die Geselligkeit.

Hauptprotagonist Max ist genauso wie Capus Kneipier und darüber hinaus ebenfalls Schriftsteller. Wie Capus hat auch Max mehrere Kinder (wobei die Anzahl an Kindern zwischen Autor und seinem Protagonisten variiert). Während Capus in seinen anderen Romanen eher auf Fiktion oder Historie – und die Korrektheit der integrierten historischen Begebenheiten – zurückgegeriffen hat, liegt bei Das Leben ist gut die Vermutung nahe, dass der Roman starke autobiografische Züge in sich trägt. Die Sevilla Bar in Max‘ Heimatstadt, in der er sich „wohl wie ein Eber im Schweinekoben“ fühlt, ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Hier trifft man Menschen aller Couleur, ein Querschnitt der Gesellschaft.

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Endlich neuer Lesestoff! [Wunschliste August & September]

Wunschliste Buecherherbst Buecherblog Neuerscheinungen Verlage VerlagsvorschauNachdem ich im Januar meine Wunschliste (letztes Update: Kurzer Zwischenspurt) für das erste Halbjahr aufgestellt hatte, versuche ich in der Fortsetzung in kleineren Zeiträumen zu denken und habe sie lediglich für August und September zusammengestellt. Vielleicht klappt es bei zwei Monaten besser, einzuschätzen, welche Anzahl an Büchern ich wirklich in einem Zeitraum X lesen kann, um den SuB nicht unnötigerweise und zu extrem zu vergrößern – mir ist natürlich bereits jetzt klar, dass das eine oder andere Buch über die Wunschliste hinaus noch hinzu kommt.

Des weiteren habe ich darauf geachtet, dass ich nur Bücher auf die Liste setze, die weniger als 400 Seiten haben. Denn im Alltag ist es für mich nur schwerlich möglich, einen 800-Seiten-Schmöker innerhalb von zwei Wochen zu lesen und zugleich inhaltlich sowie rezensionistisch am Ball zu bleiben. Selbstverständlich habe ich mir sogleich eine Einschränkung auferlegt, um diese Regel auszuhebeln: Bücher, die ich unbedingt in meinem Regal stehen haben, jedoch weder sofort lesen noch irgendwann rezensieren möchte, dürfen auch mehr als 400 Seiten haben und gekauft werden. Hierzu gehört in den nächsten Wochen Höllensturz von Ian Kershaw. Der Blick in die Verlagsvorschauen hat es mir allerdings durchaus einfach gemacht, hier habe ich kein Buch ausgemacht, das ich unbedingt unmittelbar lesen möchte und das über 400 Seite stark ist – so wie es im ersten Halbjahr beispielsweise bei Juli Zehs Unterleuten oder Ryan Gattis‘ In den Straßen die Wut war. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass ich aufgrund eines guten Tipps noch weitere (dickere) Bücher kurzfristig hinzufüge.

Einschränkend in Bezug auf den Kauf der Bücher, die ich für Ende September auf der Wunschliste habe, kommt hinzu, dass am 20. September die Shortlist für den Deutschen Buchpreis (Longlist: 23. August) bekannt gegeben wird. Sollte die Auswahl mich ansprechen, möchte ich hiervon bis zur #fbm16 – ebenfalls je nach jeweiliger Seitenanzahl – zwei oder drei Bücher lesen.

Jetzt möchte ich euch aber erst einmal die Bücher meiner neuen Wunschliste (sortiert nach Erscheinungsdatum) vorstellen: Weiterlesen

Kurzer Zwischenspurt [Update Wunschliste V]

Buecherherbst Buecherblog Lesezeit WunschlisteDie freie Zeit während meines Urlaubs habe ich wieder umfangreich für’s Lesen genutzt („Endlich wieder Lesezeit“) und konnte mir einige Bücher von meinem SuB vornehmen, zwei, die durch meine Wunschliste hierhin gelangt waren, sowie Ralf Rothmanns Im Frühling sterben. Jetzt beende ich meine aktuell noch laufende Wunschliste, da ich mir bereits eine neue zusammengestellt habe, die ich morgen präsentieren werde.

In der Rückschau bin ich sehr zufrieden mit den Büchern der Wunschliste: Die allermeisten konnten mich begeistern, einzig eine kleine Enttäuschung hatte ich mit Die Verteidigung des Paradieses. Alles in allem konnte ich auch den Großteil der erworbenen Bücher lesen, die meisten hiervon auch rezensieren. Von jenen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, reiche ich bald noch Rezensionen nach.

Hier ist das Update zu meiner Wunschliste: Weiterlesen

Durchwachsen [Update IV: Wunschliste]

Das erste Viertel des Jahres ist rum – Zeit für ein Zwischenfazit zu meiner Wunschliste: 16 Bücher hatte ich mir rausgesucht, immerhin acht hiervon habe ich gelesen und rezensiert, eines lese ich aktuell, fünf sind auf meinem SuB gelandet, zwei habe ich mir (noch) nicht gekauft. Eine durchwachsene Bilanz. Allerdings hatte ich mit Volker Kutschers Die Akte Vaterland (noch nicht rezensiert) sowie Richard Fords Der Sportreporter (rezensiert: Ein verträumtes Ich) darüber hinaus zwei durchaus umfangreichere Bücher eingeschoben.


Da ich für Mai und Juni keine Bücher auf meiner bisherigen Wunschliste hatte und bislang keine weiteren gefunden habe, die in mein Beuteschema passen, werde ich versuchen, auf Neueinkäufe zu verzichten und stattdessen am SuB-Abbau zu arbeiten. Ab Juli folgt dann der nächste Teil meiner Wunschliste. Dafür durchstöbere ich in den kommenden Tagen noch weiter die Verlagsvorschauen auf der Suche nach ein paar spannenden Neuerscheinungen.

Hier ist das Update zu meiner Wunschliste:
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Blutige Folgen der Ausgrenzung

Shakespeare Broken Hill Rezension HoCa BuecherherbstDie Ausgrenzung von Menschen kann unterschiedlichste Ursachen haben. Innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur mit verschiedenen „Schichten“ trifft es allerdings zumeist die Schwächsten, insbesondere Minderheiten sind zuvorderst davon betroffen, ausgegrenzt zu werden. Führt man sich die aktuelle Flüchtlingsdebatte vor Augen, sieht man zahlreiche Versuche, eine Trennung zwischen den bereits hier lebenden sowie den geflüchteten Menschen zu vollziehen – sei es bei der finanziellen Versorgung, der Unterbringung oder der Integration in den Arbeitsmarkt. Doch ist die Diskriminierung von Minderheiten oder neu zu integrierenden Menschengruppen kein Phänomen der heutigen Gesellschaft, sondern zieht sich durch die gesamte Bevölkerungsgeschichte. In seinem Roman Broken Hill zeigt Nicholas Shakespeare dies anhand der Geschichte der Einwanderer der australischen Bergbaustadt Broken Hill, die rund um den Jahreswechsel 1914/1915 im Camel Camp leben, dem von den Ausländern bewohnten Siedlungsgebiet, das unter den Einwohnern nur abfällig Ghantown genannt wird. Der Hass und die Restriktionen zermürben die Ghantown-Bewohner, so dass einige von ihnen irgendwann nur noch einen radikalen Ausweg sehen.

Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, sind die Bewohner von Broken Hill am Bahnhof zusammengekommen, um zu Jahresbeginn zum Neujahrspiknik, dem alljährlichen Höhepunkt der Region, aufzubrechen. Weiterlesen

Berauschende Traumwelt

Karlsson Zimmer Rezension Buecherherbst Buecherblog Luchterhand

Die moderne Arbeitswelt pendelt zwischen Hektik und Entspannung, sie ist vielfach vollkommen amorph, verliert feste Strukturen und Arbeitsabläufe. Als Arbeitnehmer muss man flexibel sein, sowohl beim Arbeitsplatzstandort, als auch im Arbeitsprozess. Eine stete Unruhe, die nicht alle Beteiligten bewältigen können. Björn hat arge Probleme, sich in dieser ungeordneten Welt zurecht zu finden. Er hält sich strikt an seinen eigenen 55-Minuten-Rhythmus und bemüht sich erst gar nicht um zwischenmenschlichen Kontakt. Zugleich erkennt er für sich die Aufstiegschancen innerhalb der Strukturen. Björn ist der Hauptprotagonist und Icherzähler in Jonas Karlssons Roman Das Zimmer.

Er wurde erst kürzlich von seinem alten Chef in die neue Regierungsbehörde weggelobt – er fühlte sich ohnehin unterfordert -, in der er sich zunächst unauffällig verhält, keine Fragen stellt, schließlich zeuge dies nur vom eigenen Unwissen, wenig Kontakt zu den Kollegen sucht, sie sich jedoch genau anschaut und sie analysiert. Aufgrund seiner eigenwilligen, belehrenden Art eckt er bei den Kollegen an. Er ist besserwisserisch, provokativ und zugleich faszinierend. Er verachtet die aus seiner Sicht chaotische Arbeit der Kollegen und all das zwischenmenschliche Geplänkel. Das trennwandlose Großraumbüro mit den 23 Angestellten ist ein Biotop der Arbeitswelt, mit vielfältigen Charakteren, von denen sich die meisten mit den Begebenheiten arrangiert haben. Und genau das stößt Björn sauer auf. Er despektiert die anderen Mitarbeiter.

Doch irgendwann entdeckt er ein Zimmer – und das verändert alles. Weiterlesen

Phantastische Popliteratur aus’m Pott

Rezension Buecherherbst Goosen FoersterWer Frank Goosen einmal bei einer Lesung live erlebt hat, hat beim Lesen seiner Bücher noch mehr Spaß, als womöglich ohnehin schon. Es ist seine sonore, angenehm tiefe Stimme, die beim Zuhören ein wohliges Gefühl auslöst. Man fühlt Geborgenheit und Heimat. Und das passt, immerhin ist Goosen als gebürtiger Bochumer ein Kind des Ruhrpotts und baut viele seiner Geschichten auf den manchmal durchaus klischeehaften Verhältnissen seiner Heimat, dieses auf unerklärliche Weise innig geliebten Stückchens Deutschland, und seinen Bewohnern auf. Wie hat ein weiterer, mit Bochum eng verwurzelter Musiker schon vor Jahren in seiner Hymne an die Stadt gesungen: „Du liebst dich ohne Schminke; bist ne ehrliche Haut // Hier wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld!“ Goosen ist das personifizierte Bochum.

Seine Bücher sind vielleicht nicht die literarischen Würfe erster Klasse, die in den Feuilletons abgefeiert werden und in den Bestsellerlisten sofort an die Spitze stürmen. Aber sie sind ein Zeugnis phantastischer Pott- und Popliteratur. Das beweist er auch mit seinem neuesten Roman: Förster, mein Förster. Weiterlesen

Gefangen in der Hoffnungslosigkeit

Tom Cooper - Das zerstörte Leben des Wes Trench (Rezension)Katrina. Ein Name, der für eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA steht. Der Hurrikan, der im August 2005 im Südosten des Landes wütete, richtete in mehreren Bundesstaaten Schäden in Milliardenhöhe an. Fast 2.000 Menschen kamen ums Leben. Vor allem Louisiana, und hier der Großraum um New Orleans, wurde besonders heftig getroffen. Doch kaum hatten sich die Einwohner leicht berappelt, erlitten sie das nächste, dieses Mal menschengemachte Desaster: Im April 2010 explodierte die Ölbohrplattform Deepwater Horizon des britischen Konzerns BP im Golf von Mexiko und löste eine verheerende Ölpest mit einem fast 10.000 Quadratkilometer großen Ölteppich aus. Gerade den Einwohnern an der Küste, die hauptsächlich vom Shrimpsfang leben, zog dies wiederholt die Erwerbs- und Lebensgrundlage unter den Füßen weg. In diesem kaum vorstellbaren Horrorszenario spielt Das zerstörte Leben des Wes Trench.

Autor Tom Cooper spinnt ein Netz aus parallelen Geschichten, deren kollektives Schicksal der Verlust ist. Was ihnen bleibt, ist die Erinnerung an die guten Zeiten. Und die Ausflucht in Alkohol und Drogen. In kurzen Episoden zeichnet er den Alltag der dort beheimateten Protagonisten nach, die versuchen, ihr Leben aus dem Hurrikan-Ölpest-Schlamm zu ziehen.

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Knifflig [Update III: Wunschliste]

Wunschliste neue Bücher März Bücherblog BücherherbstInzwischen sind einige Wochen seit Erstellen meiner Wunschliste vergangen, zwölf der siebzehn Bücher sind erschienen – davon allerdings wiederum leider erst knapp die Hälfte gelesen. Nichtsdestotrotz halte ich an meinem Vorhaben fest, bis Ende April das Gros der Wunschliste (meine genaue Definition wird täglich schwammiger) gelesen und nach Möglichkeit auch rezensiert zu haben, wobei die Rezensionen selbstredend meine Lesezeit durchaus beträchtlich einschränken. Ein kniffliges Unterfangen also. Hinzu kommt, dass ich mit Volker Kutschers Die Akte Vaterland (gelesen, aber noch nicht rezensiert) einen hervorranden Krimi in meine Leseliste eingeschoben hatte, da kürzlich bereits die Fortsetzung, Märzgefallene, als Taschenbuch erschien. Außerdem habe ich Richard Fords Der Sportreporter zu Ende gelesen und rezensiert: Ein verträumtes Ich.

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Denis Scheck (r.) bespricht auf der Leipziger Buchmesse mit Michael Köhlmeier „Das Mädchen mit dem Fingerhut“.

Rezensiert habe ich von den gelesenen Büchern meiner Wunschliste bislang Michael Köhlmeiers Das Mädchen mit dem Fingerhut, Benedict Wells‘ Das Ende der Einsamkeit, Navid Kermanis Einbruch der Wirklichkeit und Enrico Ianniellos Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola.

Hier ist das Update zu meiner Wunschliste:

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Botschaft der Hoffnung

OLYMPUS DIGITAL CAMERASprache soll ein verbindendes Element sein. „Chij-jjjj-tikeee, Zeejeeee, Chi-tjong-chii-tjoooong“. Sie kann wunderschön klingen – und doch zugleich trennend sein. Benötigen Menschen überhaupt eine gemeinsame Sprache, um sich zu verstehen? Vielleicht reicht es gar, den Lauten der anderen zu lauschen und die Kraft der Aussage zu spüren, statt sich in einem komplexen Kommunikationsregelsystem zu verlieren. Enrico Ianniello entführt in Das wundersame Leben des Isidoro Raggiola in eine herrlich-skurrile Geschichte über die Entstehung der Laute, Verständigung und Verstehen, aber auch über ungewöhnliche Freundschaften und herben Verlust.

Am Anfang der Schöpfung war der Laut, er war die Schöpfung selbst. Erst dann kam Gottes Wort, das bereits eine Erklärung der Schöpfung war. Als Ianniellos Ich-Erzähler Isidoro Raggiola auf die Welt kam, stieß er keinen Schrei aus, er weinte und brüllte nicht – er pfiff. Weiterlesen

Das Leben ist kein Nullsummenspiel

Benedict Wells Ende Einsamkeit BücherherbstWie tief ist das Loch, das der Schmerz nach einem leidvollen Verlust in die Seele bohrt?

Ein Leben kann viele Wege nehmen. Geprägt durch die Familie, die Umwelt, die Erlebnisse, entscheidet sich, welcher Mensch man wird. Welche charakterlichen Eigenschaften in den Vordergrund treten. Wie man sich in die Gesellschaft fügt und welchen Umgang man mit seinen Mitmenschen pflegt. Jules und seine beiden älteren Geschwister Liz und Marty hätten eine durchaus normale Kindheit führen können, doch das Leben meint es nicht gut mit ihnen: Früh verlieren sie ihre Eltern aufgrund eines Autounfalls. Benedict Wells erzählt in seinem neuen, bewegenden Roman Vom Ende der Einsamkeit, wie Menschen ihren individuellen Weg finden müssen, um mit einem schmerzlichen Verlust umzugehen.

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Ein verträumtes Ich

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGetrieben von Schicksalsschläge, wie den frühen Tod seines Vaters, seiner Mutter und dem eines seiner Kinder sowie der Scheidung von seiner Frau, gibt Frank Bascombe eine hoffnungsvolle Karriere als Autor auf. Schluss mit literarischer Ambition, bevor sie richtig beginnen konnte. Stattdessen nimmt er ein Jobangebot als Sportreporter an. Von nun an berichtet er vielmehr von den Schicksalsschlägen anderer Menschen. Pulitzer-Preisträger Richard Ford hat in inzwischen vier Büchern von seinem literarischen Alter-Ego Frank Bascombe erzählt (außerdem: Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes und Frank) und wie dieser durch’s Leben balanciert, stets in den Abgrund blickend. Den Anfang der Reihe machte er mit Der Sportreporter (1986).

Protagonist Frank ging nach dem Tod des Vaters auf eine Militärschule, wo er in seiner Jugend auf Gehorsamkeit sozialisiert und Schwäche stets als Makel angesehen wurde. Erst nach der Scheidung von seiner Frau sah er die ironische Seite des Lebens: „Die Sorgen anderer Leute wurden für mich zur Quelle von Belustigung und hämischen Spott, die ich mir nachts in Erinnerung rief, um mich besser zu fühlen“. Weiterlesen

Unerbitterlicher Überlebenskampf

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Angekommen in einer fremden Welt. Vollkommen allein. Alles verloren, auf der Suche nach Halt und einem neuen Zuhause. Aktuell befinden sich immer mehr Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung sind, in dieser Lage. Insbesondere die Zahl der alleinreisenden Minderjährigen ist immens. Michael Köhlmeier erzählt in Das Mädchen mit dem Fingerhut von einer vielen nicht vertrauten Situation: Wie ist es, wenn man heimatlos und ganz auf sich gestellt ist?

Das sechsjährige Mädchen Yiza muss sich in einer rauen und winterlichen Umgebung zurechtfinden, in der ihr alle Menschen fremd sind und sie nichtmals die Sprache versteht. Sie ist ein Flüchtlingskind, lebt größtenteils auf der Straße und ist angewiesen auf die Hilfe ihrer Mitmenschen. Köhlmeier zeichnet ihren Weg nach, der von vielen zufälligen und auch nur zeitweiligen, aber oftmals positiven Begegnungen geprägt ist. Weiterlesen

Der letzte Ausweg

Rezension Walser Bücherherbst Suizid ForumWo ist die Grenze zwischen dem Leben und dem Sterben? Ist der immanente Todeswunsch bereits der Beginn des Ablebens? Martin Walser erzählt in seinem neuen Roman Ein sterbender Mann die Geschichte eines gesellschaftlichen Absturzes – bis hin zur verstörendsten Konsequenz, die ein Mensch hieraus zu ziehen bereit ist: den ersehnten Suizid. Das einsame Ich löst sich hierfür aus allen gesellschaftlichen Strukturen, überschreitet durchaus die eine oder andere normative Grenze, und findet einzig im Schreiben eine Möglichkeit zur Bewältigung des Lebens. Dabei greift Walser einige große erzählerische Motive auf: Liebe und Leidenschaft, Verrat und Hoffnung, das Altsein und – natürlich – den Tod.

Walsers Protagonist, der 72-jährige Theo Schadt, ist ein Autor von Bestsellerrang und einstmals erfolgreicher Unternehmer, der von seinem langjährigen Freund Carlos Kroll, einem vielbeachteten Lyriker, hintergangen wurde, so dass er sein Unternehmen aufgeben musste. Der entstandene Vertrauensverlust sei folglich absolut und eine weitere Beziehung zwischen ihm und Kroll nicht vorstellbar. Nun sucht er nach einer „Lösung“ für sein weiteres Leben und hofft, diese in einem Suizidforum zu finden. Weiterlesen