Die Menschlichkeit bewahren

Buchtipp: Ha Jin – Nanking Requiem

Ha Jin Nanking Requiem Buchtipp Ullstein Buecherblog BuecherherbstEin lange Zeit kaum bekanntes, wenig beachtetes Kapitel des Zweiten Weltkrieges (genauer gesagt: des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges) ereignete sich fernab der europäischen Aufmerksamkeit und des Nazi-Holocausts: die Massaker von Nanking 1937. Von diesen menschenverachtenden, bestialischen Gräueltaten der japanischen Besatzer an der chinesischen Bevölkerung erzählt Ha Jin in seinem Roman Nanking Requiem. Der chinesisch-amerikanische Autor berichtet schonungslos und schockierend über die Kriegsverbrechen in der chinesischen Hauptstadt, bei denen vermutlich mehr als 200.000 Menschen ermordet und über 20.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden (Conventional War Crimes).

Das Unmögliche tun, das ist die Krönung unseres Daseins.

Ha Jin schildert den müßigen Alltag der flüchtenden Chinesen, der geprägt ist von Angst, Gewalt und Verzicht; und die mutige Geschichte der Amerikanerin Minnie Vautrin, die im amerikanischen College in Nanking eine Sicherheitszone sowie ein gigantisches Flüchtlingslager für Frauen und Kinder aufbaute, um so viele Leben zu retten wie ihr es möglich war. Dieser Antikriegsroman ist ein eindringlicher Aufruf, auch in dunkelsten Zeiten die Menschlichkeit zu bewahren.

Info

Ha Jin – Nanking Requiem

Ullstein Buchverlage, 2014, übersetzt von Susanne Hornfeck, 352 Seiten, ISBN-13 9783548611914

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Hätte Hitler gestoppt werden können?

Buchtipp: Robert Harris – München

Robert Harris Muenchen Rezension Buecherblog BuecherherbstEs ist eines der am häufigsten durchgespielten Szenarien der Weltgeschichte: Was wäre gewesen, wenn Adolf Hitler vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ermordet worden wäre? Wäre es überhaupt zum Krieg gekommen? Wie hätte Deutschland sich entwickelt, wäre ein Attentäter erfolgreich gewesen? Und genauso wird das historische Drehbuch umgekehrt gerne neu geschrieben: Hätte Deutschland den Krieg früher begonnen, hätte es zu einem siegreichen Ende für die Nazis geführt? Genau an diesem Scheideweg der Geschichte spielt Robert Harris‘ neuester Roman München.

Die Ausgangslage ist historisch verbrieft: 1938 trafen sich die Regierungschefs des Deutschen Reiches, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs samt Delegationen in München. Hitler war bestrebt, die Sudetenkrise (Autonomie der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei) schnellstens – und notfalls kriegerisch – zu lösen. Großbritannien wollte auf diplomatischem Wege den kriegerischen Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechoslowakei verhindern und war zu weitreichenden Zugeständnissen bereit (Appeasement-Politik).

Entlang dieser geschichtlichen Gegebenheiten strickt Harris eine packende Fiktion aus der Sicht zweier Diplomaten, die an den Verhandlungen teilnehmen und sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in England kennen. Es gibt gleich mehrere Gelegenheiten auf beiden Seiten, die Geschichte zu beeinflussen und die Gräuel des Weltkrieges vielleicht zu verhindern. Robert Harris gelingt es, Weltgeschichte zu einem soliden und doch auch spannenden Roman zu konstruieren, der die Dramatik jenseits des bevorstehenden Krieges schildert – obwohl man den Ausgang eigentlich ja schon kennt.

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Den Hass in seine Schranken weisen

Rezension: Carolin Emcke – Gegen den Hass

Carolin Emcke gegen Hass Rezension Buecherblog BuecherherbstClausnitz. Februar 2016. Eine Flüchtlingsunterkunft. Davor: ein Bus; darin: überwiegend Frauen und Kinder, irritiert, wütend, verängstigt nach draußen blickend, einige weinend. Rund um den Bus hat sich ein tobender Mob formiert – der blanke Hass. Als „die Schande von Clausnitz“ wird diese düstere Szenerie deutschlandweit für Schlagzeilen sorgen und in Erinnerung bleiben. Es sollte ein normaler Transport von geflüchteten Menschen zu ihrer Notunterkunft sein. Doch es wird zum Symbol für den ausländer- und flüchtlingsfeindlichen „Wutbürger“. Wie konnte es so weit kommen? Warum waren die Bürger so voller Hass? Und auf wen eigentlich? Auf die hilflosen Menschen im Bus, die gerade eine brutale Flucht quer durch Europa überlebt haben? Nahmen die Clausnitzer die Businsassen überhaupt als Menschen wahr oder richtete sich ihr Hass schlichtweg gegen die allgemeine gesellschaftliche Situation?

Diesen Fragen geht Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke in ihrem Buch Gegen den Hass nach und versucht den Hass, dieses Gefühl der Abneigung, dieser Aggression der Bürger dieses ostdeutschen Dorfes im Speziellen sowie einem Teil der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen, zu verstehen und die Ursachen zu erklären. Erschreckend bei der Aufarbeitung ist, dass die Hassenden sich ihrer Sache uneingeschränkt sicher sind, keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie auf der richtigen Seite stehen und vollkommen undifferenziert sind in ihrer Betrachtung – sowohl gegenüber den Menschen in dem Bus, als auch gegen das vertikale „Andere“ („die da oben“). Der hier auftretende Hass ist „kollektiv und ideologisch geformt“, macht Emcke deutlich.

Ein kulturelles Gewohnheitsrecht kann und darf nicht die Menschenrechte aushebeln.

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Appell an die offene Gesellschaft

Rezensionsexemplar: Andrej Nikolaidis – Der ungarische Satz

Andrej Nikolaidis ungarische Satz Voland Quist Rezension Buecherherbst BuecherblogWie viel Kraft kann in einem einzigen Satz stecken? Andrej Nikolaidis reizt das Spiel mit der Sprache, mit Satzbau und Interpunktion bis zur Indifferenz des Lesers aus. Mit Der ungarische Satz dehnt er den Kult um lange Sätze auf zu Beginn illusorisch erscheinende 120 Seiten – sein Buch besteht aus nur einem einzigen Satz. Das klingt abschreckend, doch nach wenigen Seiten spielt dies überhaupt keine Rolle mehr, zum einen, weil die eigene Wahrnehmung dem Verlangen nach einem Satzende widersteht, zum anderen, weil der Erzählrhythmus, angelehnt an eine Zugfahrt – und hier ist es eher eine Fahrt mit dem ICE, denn mit der Straßenbahn –, rasant und bewegend ist.

Nikolaidis erzählt von einem Mann, der sich auf eben jener Zugfahrt befindet, von Budapest nach Wien. Diese Strecke ist nicht willkürlich gewählt. Es ist die letzte Etappe, über die die in Ungarn gestrandeten und am Budapester Hauptbahnhof feststeckenden und von jeglicher staatlichen Hilfe abgeschnittenen Flüchtlinge 2015 weiter gen Westen und insbesondere nach Deutschland reisten. Denn Der ungarische Satz ist viel mehr als ein außergewöhnliches Spiel mit Sprache, das Buch ist auch ein aufrüttelnder Appell an die liberalen westlichen Wohlstandsgesellschaften, offene Gesellschaften zu bleiben und Menschen nicht nach ökonomischen Werten, sondern nach ihrer Hilfsbedürftigkeit zu beurteilen. Oder ganz einfach: Sie als Mensch anzusehen.

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Klare Kante

Buchtipp: Helmut Schmidt – Was ich noch sagen wollte

Helmut Schmidt Was ich noch sagen wollte CH Beck Rezension Buecherherbst BuecherblogHinter dem Berg gehalten hat er nie mit seiner Meinung: Als kluger Vordenker und geachteter Staatsmann hatte Helmut Schmidt stets eine klare Haltung zu den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen. Wer waren seine Vorbilder? Welche Begegnungen haben ihn geprägt? Mit Was ich noch sagen wollte blickt er zurück auf verschiedene Lebensabschnitte: seine Zeit bei der Wehrmacht, seine politische Laufbahn sowie das Leben mit seiner Frau Loki („ein nachsichtiger, großzügiger und warmherziger Mensch“). Mit seinem Tod ist eine (ge-)wichtige Stimme der deutschen Politik verstummt.

Die Härte des Lebens spüren

Buchtipp: Tijan Sila – Tierchen Unlimited

Tijan Sila Tierchen unlimited kiwi Rezension Buecherherbst Buecherblog

Eindringlich, teils beklemmend erzählt Tijan Silas Roman Tierchen unlimited die Geschichte eines bosnischen Flüchtlings, der in der deutschen Provinz gelandet ist. Doch auch hier erwartet ihn die Härte der Welt.

Es entwickelt sich eine rasante, niederschmetternde aber zugleich amüsante Story am Rande der Psychose. Und fast nebenbei inseriert Sila regelmäßig gruselige Passagen über die Grauen des Kriegsalltags.

Wenn Menschen zur Ware werden

Rezensionsexemplar: Andrej E. Skubic – Spiele ohne Grenzen

Andrej Skubic Spiele ohne Grenzen Voland Quist Rezension Buecherherbst Buecherblog neu2Viele Menschen sind inzwischen abgestumpft, wenn sie Meldungen über gekenterte Flüchtlingsboote lesen. Es gehört zum Alltag, ohne außergewöhnliche Beachtung zu finden. Das Drama erscheint weit weg. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass vor allem auf der gefährlichen Route über das Mittelmeer gen Europa wöchentlich, vielleicht sogar täglich dutzende oder tausende Menschen sterben. Sie sitzen in völlig überfüllten, instabilen Booten, tragen qualitativ minderwertige Rettungswesten, die ihnen Hilfe im Überlebenskampf lediglich vorgaukeln. Es gibt keinen europäischen Plan, wie man das oftmals tödliche Überqueren des Meeres verhindern kann, beispielsweise durch wirkliche Hilfe und Aufklärung vor Ort. Stattdessen werden immer mehr und immer höhere verbale und rechtliche Mauern erbaut, um Europa vor den Flüchtlingen aus Afrika zu „schützen“. Eigentlich geht es vor allem darum, die eigenen Volkswirtschaften nur den Menschen offen zugänglich zu halten, die per göttlichem Glücksprinzip innerhalb der eigenen europäischen Staatsgrenzen geboren wurden.

Dass das Ende der Unmenschlichkeit innerhalb der Abschottungspolitik noch nicht erreicht sein muss, zeigt Andrej E. Skubic eindrucksvoll in Spiele ohne Grenzen. Während weiterhin fast täglich Menschen versuchen, aus Afrika per Boot in Richtung Europa zu gelangen, hat die Europäische Union das Flüchtlingsproblem privatisiert: Das heutzutage noch durchaus übliche Vorgehen vieler NGOs, die gekenterten Menschen zu retten und in einen sicheren europäischen Hafen zu bringen, ist in Skubics Novelle nur mit spezieller Konzession möglich und vor allem den Italienern vorbehalten. Alle Anderen gehen auf die Suche nach den übrig gebliebenen Leichen, um sie zusammen mit ihren Habseligkeiten aus dem Meer zu fischen – und damit wird dank lukrativer EU-Subventionen Geld verdient. Das Elend der Menschen wird ausgenutzt und die Profitgier auf die Spitze getrieben.

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Wer ist hier das Problem?

Rezension: Leo | Steinbeis | Zorn – Mit Rechten reden. Ein Leitfaden

Mit Rechten reden Rezension Leo Steinbeis Zorn Buecherherbst Buecherblog Klett CottaSpätestens mit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag stellt sich mit Nachdruck die Frage: Kann, soll, darf oder muss man gar mit Rechten, Rechtspopulisten oder Rechtsextremen reden – und falls ja: wie? Für das Autorentrio Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn steht fest, dass eine „Lösung“ des Problems mit rechten Umtrieben jeglicher Couleur nur darin bestehen kann, dass man mit den Rechten redet. Sie versuchen sich mit ihrem „Leitfaden“ Mit Rechten reden an einer Antwort, wie dies Nicht-Rechten gelingen kann, so dass beide Welten vielleicht sogar davon profitieren könnten, aber zumindest so, dass Nicht-Rechte die Rechten klar entlarven, ohne sie gänzlich aus der Welt negieren zu wollen. Als problematisch stellt sich allerdings bereits die Definition dar, wer genau die Rechten sein sollen, um überhaupt zu wissen, wer der Adressat ist. Das heben die Autoren vorab hervor. Jedoch wissen sie auch im Laufe des Buches keine hinreichende Antwort zu geben.

Ausgangspunkt für den Diskurs ist das bedrängende Gefühl im Angesicht der Rechten, mit dem niemand so recht umzugehen weiß, gleich ob es sich um Familienangehörige, Freunde oder Fremde handelt. Die Autoren betrachten Rechte aus der „dialektischen Perspektive“, die „uns selbst mit einschließt“. Dabei stellt sich die Frage: Haben wir – wir Nicht-Rechte – vom Grundsatz her ein Problem mit der Gesellschaft? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Rechten ein Problem mit der liberalen Gesellschaft haben und zugleich als Problem der Gesellschaft in Erscheinung treten? Es sind doch teils verharmlosende Vergleiche, welche die Autoren für das Zusammenleben von Rechten und restlicher Gesellschaft ziehen, beispielsweise der Vergleich mit Beziehungsproblemen. Wer meint, so einfach wie in jeder „normalen“ Beziehung ließen sich die Differenzen lösen, verfehlt die Dimensionen um Welten.

Und für diese Ansicht werde der mutige, wegen seines Freitodes tragischerweise ganz und gar wehrlose Autor nun von der links-liberalen Meinungspolizei mit Zensur und Verachtung gestraft. Opfer, schon wieder ein unschuldiges Opfer! Leute, kauft Opfer! Frische Opfer, reife Opfer! Bittersüße, achselschweißsaure, tränensalzige Opfer! Deutsche! Kauft, werdet, seid Opfer!

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Europa am Scheideweg: Utopie oder Ruine?

Rezension: Robert Menasse – Die HauptstadtEuropäische Kommission EU Rezension Buecherherbst Buecherblog Menasse Hauptstadt

Robert Menasse Hauptstadt Rezension Buecherherbst Buecherblog Suhrkamp EU

(c) Suhrkamp

Wer Robert Menasse fragt, ob das Friedensprojekt Europa bereits gescheitert ist, erhält ein leidenschaftliches Plädoyer für den bürgerschaftlichen Umbau der Europäischen Union in ein Europa der Regionen. Die europäische Idee sei am Scheideweg. Doch es sei noch nicht zu spät, den richtigen Weg einzuschlagen, weg von nationalen Grenzen, weg vom Nationalismus der Staaten. Während im Osten Europas Rechtspopulisten das Wohl des eigenen Volkes über die Idee und das Recht der europäischen Partnerschaft stellen und beispielsweise bei der Flüchtlingsfrage jegliche Verantwortung für ein gemeinsames Handeln von sich weisen, ist in Frankreich eine rechte Präsidentschaftskandidatin nur knapp gescheitert, in Österreich zeichnet sich gar eine Regierungsbildung mit der nationalistischen FPÖ ab, die katalanischen Separatisten – sind es nun egoistische Nationalisten oder überzeugte Europäer? – wollen sich von Spanien loseisen. Doch was kann die Antwort der Proeuropäer und der EU sein, um die Bürger für eine tiefere europäische Integration zu begeistern? In dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Werk Die Hauptstadt gibt Autor Robert Menasse zumindest eine Antwort, wie es nicht geht: Allein das Ansehen der europäischen Institutionen zu verbessern, wird nicht ausreichen.

Wenn Demenz und Tod verhinderten, dass noch jemand Auskunft geben und sich darin erinnern konnte, worum es eigentlich gegangen war und worum es immer noch ging – dann müssten eben Demente und Tote auftreten und dafür einstehen. Würden sie nicht Schrecken und Mitleid erregen und vielleicht Reinigung bewirken? Sogar Verstehen. Plötzlich versteht eine demente Gesellschaft, was sie hatte sein wollen, plötzlich erinnert sich ein todkranker Kontinent an die Medizin, die ihm Heilung versprochen, die er aber abgesetzt und vergessen hatte.

Brüssel ist eine Stadt in ständiger Hektik, depressiv und auszehrend, euphorisierend und hysterisch, mit dauerhaft erhöhtem Puls. Einst reichste Stadt der Welt (1914). Die Hauptstadt Belgiens ist zugleich die inoffizielle Hauptstadt Europas. Hier sitzen mit Europäischer Kommission, Europäischem Rat und EU-Rat die wichtigsten europäischen Institutionen neben dem Europäischen Parlament. Es ist schon irgendwie erstaunlich, dass es vor Die Hauptstadt bislang noch keinen Brüssel-Roman in der Tradition der Städte-Romane gab – obwohl es eigentlich viel mehr ist, nämlich ein leidenschaftlicher Europa-Roman. Dabei bietet die europäische Machtzentrale eine hervorragende Vorlage für mehr oder weniger fiktionale Intrigen und politische Affären. Menasse machte sich selbst für einen längeren Zeitraum ein Bild von dieser Machtblase.

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Der Tod als tröstliche Hoffnung

Rezensionsexemplar: Hans Weinhengst – Turmstrasse 4

Turmstrasse Weinhengst Rezension Buecherherbst Buecherblog pixbayVerlage sind eigentlich nichts anderes als Schatzsucher: manche buddeln nach dem dicken Goldbrocken, andere sind eher an archäologischen Funden interessiert. Ein außergewöhnliches Fundstück zum Zustand des Proletariats in den 1920er und 30er Jahren ist Turmstrasse 4 von Hans Weinhengst, 1934 noch unter dem Originaltitel Turstrato 4 in Esperanto [mehr zur Sprache Esperanto am Textende] veröffentlicht, kürzlich bei edition atelier erstmals in deutscher Übersetzung publiziert.

Das Haus in der Turmstraße Nummer vier im Wiener Arbeiterbezirk ist ein „grauer, heruntergekommener Wohnklotz“, farblich undefinierbar widerwärtig mit verfallener Fassade – und zum Teil auch verfallenen Menschen. Mehr als 300 Bewohner nennen diese Hochhausbaracke ihr Zuhause. Eine Konstruktion, die dem „Streben nach Ausbeutung“ folgt. Kurz: Ein Arbeiterghetto mit Elend, Unfrieden und Auseinandersetzungen („Die Bewohner hatten sich an ein gewisses Maß an Aufregung und Tumult gewöhnt.“). Hierin wohnen auch Karl Weber und Martha Groner, die sich regelmäßig heimlich treffen. Karl lebt zusammen mit seinen Eltern, den drei Geschwistern sowie seinem Schwager und seinem Neffen; Martha mit ihrer Mutter sowie dem kriegsversehrten Vater, der aufgrund seiner ebenso kriegsversehrten Psyche teils vollkommen von Sinnen ist und auf seine Tochter wild einprügelt oder versucht, sie zu vergewaltigen. Was die meisten Bewohner in der Turmstraße eint, ist die Arbeitslosigkeit, die Ende der 1920er Jahre im Zuge der Weltwirtschaftskrise grassierte. Auch Karl ist seit geraumer Zeit auf der verzweifelten Suche nach einem Job.

Die Tage verstrichen einer wie der andere bei Familie Weber: freudlos und eintönig.

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Im Spannungsfeld zwischen Heimat und Ausgrenzung

Rezensionsexemplar: Fouad Laroui – Im aussichtslosen Kampf zwischen Dir und der Welt

Laroui Merlin Verlag Rezension Buecherherbst Buecherblog 2Die weltweiten Notsituationen nehmen vielen Menschen die Heimat – sie fliehen vor Krieg, Gewalt, Verfolgung oder Armut. Manche fühlen sich schon früh an einem neuen Ort heimisch, manche können verschiedene Orte ihre Heimat nennen. Doch „Heimat“ ist ein von Diversität geprägter Begriff: an einem Ort zu Hause zu sein; sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlen; sich in einer Kultur aufgenommen fühlen. Der Begriff fußt auf verschiedenen Dimension: räumlich, zeitlich, kulturell, religiös, sozial oder familiär. Wer sich in keiner Dimension heimisch fühlt, kann durchaus schneller den Halt verlieren. Heimat gibt immer ein Stück weit Rückhalt. Dies prägt die eigene Identität und auch die charakterliche Stärke, bei Widerstand kraftvoll und standhaft zu bleiben. Durch die Migration in einer globalisierten Welt rückt der Heimat-Begriff nochmals stärker in den Vordergrund. Viele Menschen leben in einem Land, das sie aufgrund der Immigration ursprünglich nicht als Heimat kennengelernt hatten, das jetzt ihre „neue Heimat“ ist oder werden soll, oder welches zumindest ihre Eltern nicht als ihre ursprüngliche Heimat definiert hätten. Die Zerrissenheit zwischen Angekommensein und kultureller Ausgrenzung thematisiert Fouad Laroui in seinem Roman Im aussichtslosen Kampf zwischen Dir und der Welt.

In diesem Spannungsfeld lebt Ali. Seit zehn Jahren ist Paris seine Heimat, seine familiären Wurzeln liegen in Marokko. Er ist als Informatikingenieur sehr angesehen, ist stets gut gekleidet, macht Eindruck auf Frauen („ein Eroberer“) und er fühlt sich durch und durch als Pariser. Hier wohnt er zusammen mit seiner Freundin Malika, einer in Frankreich geborenen Lehrerin, deren Eltern ebenfalls aus Marokko kommen. Sie gehen gerne gemeinsam aus. Sie schmieden Zukunftspläne, wollen zusammenziehen. Eigentlich führen sie ein glückliches Leben. Sie haben eine gemeinsame Heimat (gefunden), in der sie unbekümmert leben könnten. Es ist auch diese heile Welt, die zu Beginn des Romans durch ein fast endloses Liebesgesäusel der Beiden bebildert wird. Diese Schnulze muss der Leser einfach überstehen, denn es lohnt sich, danach entwickelt sich ein rasanter Roman mit überraschenden Wendungen.

„Keinen Augenblick glaubt sie an die Unsterblichkeit der Seele, sie glaubt nicht einmal an die Existenz der Seele – eine Verkabelung von Neuronen, sagt sie, und das ist alles! Eine Verkabelung, die Bilder produziert, Vorstellungen, Begierden: Das ‚Ich‘.“

Doch seit 9/11 hat sich für Menschen mit Migrationshintergrund einiges geändert

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Das Herz ist stärker als kulturelle Fesseln

Rezensionsexemplar: Romain Gary – Du hast das Leben vor dir

Romain Gary Leben vor dir Rezension buecherherbst bucherblog rotpunktverlagWenn man den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beobachtet, die (milde ausgedrückt) gegenseitige Skepsis zwischen Juden und Muslimen – man könnte vermuten, dass ein „normales“ Zusammenleben nur schwer möglich ist. Vorurteile scheinen teilweise tief verwurzelt. Wirft man einen Blick auf die historische Entwicklung der Beziehungen, ist diese mit zahlreichen Konflikten gepflastert. So tobte Ende der 1960er Jahre der Sechstagekrieg zwischen Israel sowie den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien; immer wieder nahmen palästinensische Terroristen Juden zu Geiseln; 1973 flammte der israelisch-arabische Krieg wieder auf. In dieser Zeit, 1975, schrieb der französische Autor Romain Gary Du hast das Leben vor dir und betrachtete damit das Zusammenleben von Juden und Arabern aus der Innenperspektive. Denn auf kleiner Bühne, im Alltäglichen des Paris‘ der 1970er Jahre, können beide Parteien ohne Konflikte nebeneinander und miteinander leben. Das Buch ist nun in deutscher Neuübersetzung in der Edition Blau im Rotpunktverlag erschienen.

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Worte, die Hoffnung machen

Barack Obama Worte Rezension Buecherherbst BuecherblogVorstellungskraft, Visionen und Mut, aber zugleich Arbeitswillen – diese Werte forderte Barack Obama stets von den Menschen, vornehmlich natürlich von der amerikanischen Bevölkerung, aber auch von der Welt. „Unsere Köpfe sind nicht weniger erfindungsreich, unsere Güter und Dienstleistungen werden nicht weniger benötigt als vorige Woche oder vorigen Monat oder voriges Jahr. Unser Leistungsvermögen ist unvermindert. Aber die Zeit, in der wir uns Änderungen verweigerten, in der wir kleinliche Interessen verteidigten und unangenehme Entscheidungen aufschoben – diese Zeit ist mit Sicherheit vorbei. Ab heute müssen wir aufstehen, den Staub abklopfen und mit der Arbeit beginnen, Amerika zu erneuern“, verlangte Obama von seinen Landsleuten in seiner Antrittsrede 2009.

Seine Reden sind stets voller Optimismus, aber auch mit einem klaren Blick auf die Realitäten der Menschen und des Landes. Er wollte Hoffnung verbreiten. Jeder sollte wieder an den amerikanischen Traum glauben, dass der Aufstieg für alle Bürger möglich ist. Betrachtet man Barack Obamas Reden aus heutiger Sicht, wirken sie angesichts des Handelns seines Nachfolgers wie aus der Zeit gefallen, aus einer anderen Dekade – und zugleich als Hoffnung auf die Zukunft. Seine bedeutendsten Reden sind jetzt in einem Band „Barack Obama – Worte müssen etwas bedeuten“ zusammengefasst.

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Zwischen Hoffnung und Angst

New York Imbolo Mbue Das getraeumte Land Buecherherbst Buecherblog Kiwi RezensionDass Donald Trump einem illegal immigrierten, dunkelhäutigen Paar in einem seiner Hotels persönlich ein Steak brät, klingt aus heutiger Sicht genauso hanebüchen wie die Besiedelung des Jupiters. Der Wunsch von Neni Jonga, eine der Hauptcharaktere in Imbolo Mbues Das geträumte Land, der rund um die 2010er Jahre spielt, kommt im Roman als eine lustige, etwas abstrus klingende Idee daher. Zu dieser Zeit ist die Vereidigung Trumps als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika noch das, was es eigentlich hätte bleiben sollen: eine abwegige Vorstellung. Damals war Trump lediglich TV-Entertainer und Milliardär, der auch gerne mal als Witzfigur für absurde Ideen hergenommen wurde. Eine Witzfigur ist Trump durchaus auch heute noch, allerdings kann kaum ein Mensch mehr über seine (wirren) Äußerungen und Handlungen lachen. In Mbues Roman bleibt Trump eine Randfigur, die einzig kurze Erwähnung findet; genauso wie Barack Obama, dessen Stern gerade aufgeht.

Politik steht zwar nicht direkt im Vordergrund, nimmt indirekt aber eine zentrale Rolle ein: Das geträumte Land handelt von der Immigration in die USA sowie dem Kollaps des US-amerikanischen Finanzsystems – beides politische Themen von immenser Bedeutung. Jende Jonga stammt aus einem ärmlichen Dorf in Kamerun. Durch Kontakte zu Verwandten, die in den USA leben, reist er 2007 ein in eine für ihn fremde Welt. Ihn treibt die Hoffnung auf ein besseres Leben, für sich und seine Familie: „’Ich danke Gott und ich glaube, […] irgendwann werde ich hier ein gutes Leben haben. Meine Eltern werden in Kamerun ein gutes Leben haben. Und mein Sohn wird aufwachsen und jemand sein, wird sein, was er sein will, egal, was das ist. Ich glaube, wenn einer Amerikaner ist, ist alles möglich.’“

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Am Rand der Gesellschaft – und darüber hinaus

Fatma Aydemir Ellbogen Rezension Buecherherbst BuecherblogDie Suche nach einer Heimat und dem sich-zu-Hause-fühlen ist im Zeitalter der transiten Grenzen nicht einfacher geworden. Wer in einer deutschen Großstadt aufwächst oder lebt, erfährt im Alltäglichen, dass das überholte Prinzip der Nationalitäten einer heterogenen Gesellschaft gewichen ist. Für einen Menschen ohne Migrationshintergrund ist es kaum greifbar, wie kompliziert die Suche nach einer Identität für Menschen sein muss, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, deren Eltern oder Großeltern allerdings womöglich nie einhundertprozentig angekommen sind oder die zumindest dauerhaft in zwei Welten und Kulturen leben.

lbm17 Buchmesse Buecherherbst Buecherblog Fatma Aydemir Ellbogen

Fatma Aydemir (l.) auf der Leipziger Buchmesse 2017 im Gespräch über ihr Buch „Ellbogen“.

Es ist ein immerwährender Zwiespalt zwischen offener und freiheitlicher Gesellschaft sowie kulturellen Traditionen, den die 17-jährige Türkin Hazal zu ertragen hat. Sie wächst in Berlin-Wedding auf, gemeinsam mit ihren Eltern und Bruder Onur. Ihre Kindheit ist geprägt von Einschränkungen und Verboten; ihr Vater hat bedingungslos das Sagen, ohne Widerworte – das, was man sich landläufig als traditionell-konservativ türkisch vorstellt. Doch gerade außerhalb der Familienstruktur kennt Hazal keine Grenzen. Von ihr und der Gesellschaft, in die sie hineinwächst, erzählt Fatma Aydemir in ihrem Roman Ellbogen. War Hazals Leben bereits von Geburt an vorbestimmt, durch ihre Herkunft und ihr soziales Umfeld? „Vielleicht hat Mama nur geweint, weil sie dachte, dass ich jetzt ein Opfer werde und mein Leben verpfusche, so wie jedes zweite Mädchen hier im Wedding. Und vielleicht sieht es von außen tatsächlich so aus, als ob ich mein Leben schon verpfuscht habe. Ja, wahrscheinlich habe ich ja auch ein verpfuschtest Leben. Mama wollte immer, dass ich Arzthelferin werde, und ich wollte Ärztin sein. Jetzt bin ich nichts von beidem und finde nicht mal eine Ausbildung zur Verkäuferin.“

Mit der Zeit hat sie aber gemerkt, wie anstrengend es ist, eine Türkin zu sein, und wie bescheuert, da freiwillig mitzumachen. Während wir doch gar keinen Bock darauf haben, nach außen immer voll brav zu tun und alles, was Spaß macht, immer nur heimlich zu machen. Und von da an hart Elma sich nicht mehr wie ein türkisches Mädchen benommen, sondern wie ein türkischer Junge: laut, unverschämt und grundlos aggressiv.

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Aus Leichtsinn zum Staatsfeind 

– Rezensionsexemplar –

Hesse Diversant Berlin Verlag Rezension Buecherherbst Buecherblog DDRAls Mensch, der in ein vereintes Deutschland hineingeboren wurde oder zumindest die Zweistaatigkeit als Kind nur am Rande miterlebt hat und in einem Bewusstsein des Europas ohne Grenzen aufgewachsen ist, dieses im Alltag oder auch nur im Urlaub lebt, ist die Welt der deutschen Teilung kaum vorstellbar. Entgegengesetzte Ideologien, diametrale Ausrichtungen mit verfeindeten Verbündeten, eine Grenze, die zunächst nur patrouilliert, dann mit einer Mauer oder gar Panzern geschützt wurde – all das erscheint selbst beim Spaziergang entlang der (heute künstlerisch gestalteten) Berliner Mauer vollkommen irreal.

Andree Hesse versucht in Der Diversant, diesen Teil der deutschen Geschichte ein Stück greifbarer zu machen. Er erzählt die wahre Geschichte seines Onkels – so wird es zumindest in dem an die Geschichte anschließenden Epilog dargelegt -, der in den 1950er Jahren in der DDR aufwuchs. Es ist eine Zeit, in der der Zweite Weltkrieg erst wenige Jahre vorüber war, die meisten Menschen die Erinnerung daran verdrängen wollten und die beiden frisch gegründeten deutschen Staaten stellvertretend für die ideologischen Systeme um die Vormacht in der Mitte Europas rangen; die einen dem Kommunismus zugeneigt, die anderen der westlichen, marktwirtschaftlich geprägten Demokratie. Beide Gesellschaften waren noch jung und auf der Suche nach der eigenen Identität.

In der gleichen Phase befindet sich Meiner, der Ich-Erzähler. Während die Gesellschaft ihm keinen Halt gibt, versucht er seine Position im Leben zu finden. Die meisten Menschen in seiner Umgebung haben tiefe Wunden von den beiden Weltkriegen davongetragen, physisch oder mindestens psychisch. Da ist beispielsweise Bauer Grothe – bei ihm hütet Meiner als Zehnjähriger in den Ferien die Schafe -, der nur noch ein gesundes Bein hat, da ihm das andere zerschossen wurde; Meiners Opa wurde bereits im Ersten Weltkrieg durch ein Bajonett am Kinn verletzt; sein Vater erlitt im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront einen Kopfschuss, woraufhin ihm die Schädeldecke ersetzt werden musste und er dauerhaft halbseitig gelähmt ist.

In den letzten Tagen des Krieges kamen Flüchtlinge aus den Ostgebieten und wurden im Dorf untergebracht. Den meisten Leuten gefiel das nicht. Angeblich hatte niemand etwas gegen Flüchtlinge, im eigenen Haus aber wollte man sie nicht haben.

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Alle Wege führen ins Tram

Fiston Mwanza Mujila tram83 rezension buecherherbst buecherblog buchtipp afrika gino73_pixelio

(c) gino73/pixelio.de

Wonach strebt ein Mensch, wenn die Umgebung das Leben unermüdlich erschwert? In einer Großstadt namens Stadtland, ein fiktiver Ort irgendwo in Afrika, lernt man das Leben von seiner ungemütlichen Seite kennen. Das Einzige, das hier zählt, ist die kurzfristige Befriedigung des Glücks. Es herrschen Kriminalität, Drogen und der Rausch nach Diamanten und dem schnellen Geld: „Im Anfang war der Stein, und der Stein schuf den Besitz und der Besitz den Rausch, und im Rausch kamen Menschen jedweder Gestalt, die schlugen Bahntrassen in den Fels, fertigten ein Leben aus Palmwein und erdachten zwischen Markt und Minen ein System.“ Stadtland hat sich militärisch vom Hinterland losgesagt. Es wird von einem abtrünnigen General regiert, der auch die Macht über die Diamantenminen hat.

Fiston Mwanza Mujila beschreibt in seinem Roman Tram 83 das Leben in einer „failed City“, in der Moral keine Rolle mehr spielt. Eine Stadt, in der der Strom rationiert ist, und die auf „den Grundsätzen Überlebenskampf, Edelsteine und Kalaschnikows beruhte“ – eine Stadt, welche die Globalisierung vielleicht schon weit hinter sich gelassen hat; oder noch weit davon entfernt ist. Der Mittelpunkt der Stadt ist das Tram 83, eine Mischung aus Bar und Bordell. Wenn die Nacht anbricht, kommen hier alle gesellschaftlichen Schichten zusammen, um die Härte des Alltags zu vergessen: Minenarbeiter, Studenten, Prostituierte und auch die ausländischen Geschäftsleute. Hier verdichtet sich die Atmosphäre: es ist laut, schwitzig, düster, exzessiv, ungezähmt und gesetzlos. Hier geht es einzig um Geld, Drogen und Sex.

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Niemand entkommt – sechs Tage Anarchie

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Los Angeles. (c) futurama1979/pixelio.de

„Hat sich die Lage in Watts seit den letzten Aufständen nicht verbessert?“ Unweigerlich denkt man bei dieser Frage an die Ausschreitungen der vergangenen Jahre in den USA, oftmals ausgelöst durch willkürlich erscheinende Morde weißer Polizisten an schwarzen US-Bürgern. Der amerikanische Ort, an dem dies stattgefunden hat, ist eigentlich beliebig austauschbar. Die Frage bleibt dabei stets die gleiche – und häufig leider auch die Antwort: „Irgendwie hat sich nicht viel verändert. Man findet dort immer noch die Besitzlosen, die Verlierer, die Verbrecher, die Verzweifelten […].“ Mit diesem Zitat aus der New York Times beginnt Ryan Gattis seinen Thriller In den Straßen die Wut, der die sechs Tage andauernden schweren Unruhen in Los Angeles 1992 erzählt, die ausgelöst wurden durch einen Freispruch für mehrere Polizeibeamte, nachdem sie den Bürger Rodney King durch „übertriebene Gewaltanwendung“ überwältigten. Das Besondere: Das Zitat beschreibt nicht den Bürgerkrieg von 1992, sondern stammt von 1966. Es zeigt, es hat sich wirklich nicht viel verändert in der amerikanischen Gesellschaft, weder nach 1966, noch nach 1992, noch nach den letzten Ausschreitungen aufgrund von Polizeiwillkür in den USA. Deshalb ist Gattis‘ Roman zugleich ein (teilfiktives) Zeugnis der damaligen Situation, als auch eine Mahnung an die heutige Gesellschaft.

In den Straßen die Wut Ryan Gattis Thriller rowohlt Buecherherbst Buecherblog Rezension

(c) rowohlt

Bereits der Einstieg in den Roman ist an Brutalität kaum zu überbieten und lässt keine Fragen offen, in welche extreme Szenerie der Autor den Leser entführt: Ernesto Vera ist ein unbescholtener, hart arbeitender Bürger, der auf dem Heimweg von seiner Arbeit ist und die Hoffnung auf ein besseres Leben hegt. Er möchte Koch werden, um dem Elend der Unterschicht Los Angeles‘ zu entkommen. Doch in Zeiten der Unruhe ist das bisherige Verhalten keine Variable im Spiel der Gewalt („Es gibt keine Regeln mehr. Keine. Nicht in dieser Lage, bei diesen Ausschreitungen.“) und er wird zum als willkürlich erscheinenden Opfer einer marodierenden Gang – doch alle Charaktere sind irgendwie miteinander verstrickt, so dass im Laufe der Geschichte deutlich wird, wie berechnend die Wahl des Opfers war.

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„Schicksalhafte Verstrickungen“ | Rezensionen im Feuilleton

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Die neapolitanische Küste von Sorrent. (c) joakant/pixelio.de

In der vergangenen Woche sind mit T.C. Boyles Die Terranauten sowie Elena Ferrantes Die Geschichte eines neuen Namens gleich zwei Spitzentitel bereits früh im Jahr erschienen. Gerade Boyle hat in Deutschland eine riesige Fangemeinde, die das neue Buch bereits groß und breit abfeiert. In den Rezensionen des Feuilletons wird das Werk hingegen gemischt bewertet. So moniert die Frankfurter Rundschau, dass es erst spät rund geht, „zuvor windet sich das Geschehen erwartbar und zuweilen langwierig durch die Simulation einer zweiten Erde“ (Schwanger unter Glas). Viel Kritik übt Der Tagesspiegel an den Charakteren: „Boyles Figuren bleiben eindimensional, bekommen kaum Tiefe oder machen eine nachvollziehbare psychologische Entwicklung durch“ (Geht viel rein, kommt nichts raus); und sieht darin einen „langatmig-verschwatzten Roman“. Wesentlich positiver bewertet der NDR Die Terranauten: „Eine schillernde bitter-komische Komödie. Ein typischer T.C. Boyle“ (Öko-Experiment mit unerwarteten Komplikationen), wobei insbesondere der zweite Satz als großes Kompliment zu werten ist.

Den zweiten von vier Teilen ihrer Neapolitanischen Saga hat Elena Ferrante mit Die Geschichte eines neuen Namens nun in Deutschland vorgelegt. Die Deutsche Welle sieht darin einen „Bildungsroman, der von den Schwierigkeiten des sozialen Aufstiegs genauso erzählt wie von den weiblichen Lebensbedingungen im Italien des 20. Jahrhunderts“ (Elena Ferrantes sehnsüchtig erwarteter Fortsetzungsroman ist da). Und auch die Stuttgarter Zeitung jubelt über ein „vielschichtiges, raffiniert gebautes Werk, das in feinen Details und Nebenhandlungen der vordergründigen Erzählung ein getreues Bild der italienischen Zeit- und Sozialgeschichte spiegelt“ (Gespenster der Vergangenheit). Die Frankfurter Rundschau schließt sich der Jubelarie an: Es liege ein „mit überraschenden Wendungen und schicksalhaften Verstrickungen gesättigten Plot“ vor, über „Liebe, Lügen, Leidenschaften“ (Trivial ist hier rein gar nichts).

Hier noch eine Auswahl an weiteren Rezensionen der vergangenen Tage:

Elbphilharmonie Bürgeroper Hermann Rauhe Rezension Presseschau Buecherherbst Buecherblog„Am 11. Januar [wurde] sie eröffnet, die Hamburger Elbphilharmonie. Mit ihr, so schrieb der Hamburger Senat, sollen nicht nur neue musikalische Maßstäbe gesetzt werden. Die Elbphilharmonie baue auch auf eine lange Musiktradition und eine vielfältige Musikszene in Hamburg auf. Wie groß diese Tradition ist, das kann man in Hermann Rauhes wunderbarem Werk Die Musikstadt Hamburg und ihr neues Wahrzeichen nachlesen – unser NDR Buch des Monats.“ (NDR)

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Die literarische Hölle gibt es

Viele Leser, Feuilletonisten und Branchenkenner vermuteten, dass Martin Walser mit Ein sterbender Mann (Der letzte Ausweg) bereits seinen literarischen Abschied verkündet hatte. Doch der Autor schien noch nicht die Ruhe für diesen neuen Lebensabschnitt gefunden zu haben und setzte sich unmittelbar nach der Veröffentlichung daran, seinem literarischen Lebenswerk ein weiteres Kapitel (dieses Mal vielleicht das letzte?) hinzuzufügen: „Nach einem Buch weiß man ja nie genau, was man tun soll. Und diesmal hat sich der Satz angeboten: »Mir geht es ein bisschen zu gut.« Das konnte ich dann so hinschreiben. Damit fing es an“, beschreibt er in einem Interview („Ich werde nie mehr solch eine Schreibfreude haben“) den Beginn des neuen Werkes. Herausgekommen ist Statt etwas oder Der letzte Rank, ein „Roman einer Selbstbefreiung“ (ebd.). Leider muss man konstatieren: Er hätte doch besser die Vermutungen bestätigt und Schluss gemacht mit dem Schreiben.

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