Appell an die offene Gesellschaft

Rezensionsexemplar: Andrej Nikolaidis – Der ungarische Satz

Andrej Nikolaidis ungarische Satz Voland Quist Rezension Buecherherbst BuecherblogWie viel Kraft kann in einem einzigen Satz stecken? Andrej Nikolaidis reizt das Spiel mit der Sprache, mit Satzbau und Interpunktion bis zur Indifferenz des Lesers aus. Mit Der ungarische Satz dehnt er den Kult um lange Sätze auf zu Beginn illusorisch erscheinende 120 Seiten – sein Buch besteht aus nur einem einzigen Satz. Das klingt abschreckend, doch nach wenigen Seiten spielt dies überhaupt keine Rolle mehr, zum einen, weil die eigene Wahrnehmung dem Verlangen nach einem Satzende widersteht, zum anderen, weil der Erzählrhythmus, angelehnt an eine Zugfahrt – und hier ist es eher eine Fahrt mit dem ICE, denn mit der Straßenbahn –, rasant und bewegend ist.

Nikolaidis erzählt von einem Mann, der sich auf eben jener Zugfahrt befindet, von Budapest nach Wien. Diese Strecke ist nicht willkürlich gewählt. Es ist die letzte Etappe, über die die in Ungarn gestrandeten und am Budapester Hauptbahnhof feststeckenden und von jeglicher staatlichen Hilfe abgeschnittenen Flüchtlinge 2015 weiter gen Westen und insbesondere nach Deutschland reisten. Denn Der ungarische Satz ist viel mehr als ein außergewöhnliches Spiel mit Sprache, das Buch ist auch ein aufrüttelnder Appell an die liberalen westlichen Wohlstandsgesellschaften, offene Gesellschaften zu bleiben und Menschen nicht nach ökonomischen Werten, sondern nach ihrer Hilfsbedürftigkeit zu beurteilen. Oder ganz einfach: Sie als Mensch anzusehen.

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Außergewöhnliche Lyrik

Leipziger Buchmesse 2018 – Tag 3

Leipziger Buchmesse lbm18 pdlbm18 Buecherherbst Buecherblog Nikolaidis

Andrej Nikolaidis

Das wirklich Schöne an der Leipziger Buchmesse ist, dass man immer wieder auch unbekanntere Autoren erlebt und ihre Bücher kennenlernt. Am Stand der taz gastierte heute Andrej Nikolaidis – auf dem Balkan ist der Bosnier einer der bekanntesten und angesagtesten Schriftsteller, bei uns weitestgehend unbekannt. Der Verlag Voland & Quist publizierte kürzlich sein neuestes Buch Der ungarische Satz. Ein beeindruckendes Werk, denn die immerhin 128 Seiten bestehen aus nur einem einzigen Satz.

Leipziger Buchmesse lbm18 pdlbm18 Buecherherbst Buecherblog Navid Kermani

Navid Kermani stellt sein Buch „Entlang den Gräben“ vor.

In Deutschland wahrlich kein Unbekannter ist Navid Kermani. Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autor reiste kürzlich Entlang den Gräben, vom Osten Deutschlands, wo er bei einer AfD-Veranstaltung zu Gast war, bis hin zum Orient. Imponiert habe ihm dabei insbesondere der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz: „Als Deutscher – egal, ob man braune, blonde oder grüne Haare hat – bekommt man sofort den Button ‚Deutsch‘ auf die Brust. Das macht etwas mit einem, wenn man an einem Ort wie Auschwitz ist“, erzählte Kermani.

Leipziger Buchmesse lbm18 pdlbm18 Buecherherbst Buecherblog Gomringer Hofmann

Nora Gomringer (r.) und Katja Hofmann bei ND.

Ein wahres Politikum rangt sich derzeit um den Namen Gomringer. Gestern berichtete ich bereits von der völlig verfehlten Polemik Denis Schecks, der die Studenten, die das Gedicht Eugen Gomringers Avenidas aufgrund von ihnen erkanntem Sexismus von der Wand der Hochschule entfernt wissen wollten, als „Kultur-Taliban“ bezeichnete. Weiterlesen

Volles Programm bei der lbm18

Leipziger Buchmesse / Leipzig liest vom 14. bis 18. März 2018

lbm17 Buchmesse Buecherherbst Buecherblog (19)

Auch in diesem Jahr werde ich wieder zur Leipziger Buchmesse mit ihrem Lesefest Leipzig liest reisen, um via Twitter (@bücherherbst) und Blog (Mein Fotorückblick auf die lbm17 // Die Tage auf der lbm17)  über das Geschehen vor Ort zu berichten. Dafür habe ich mir ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Vorderstes Kriterium war, dass die Veranstaltungen auf dem Messegelände stattfinden, da das Pendeln zwischen Messe und sonstigen Veranstaltungen im Stadtgebiet viel Zeit kostet und man hierdurch zugleich einige spannende Veranstaltungen verpassen würde – was nicht bedeutet, dass ein Blick auf das Programm im sonstigen Stadtgebiet nicht lohnenswert wäre. Einen Überblick über das vollständige Programm findet man im Downloadbereich der Messe. Online bietet sich zudem die Möglichkeit, Leipzig liest mit mehr als 3.600 Veranstaltungen nach Datum, Genre oder Veranstaltungsart zu durchsuchen.

lbm18 Logo Leipziger Buchmesse 2018 Buecherherbst BuecherblogDa ich in diesem Jahr bei meiner Bücherauswahl der Neuerscheinungen einen besonderen Blick auf politische Bücher und Fluchtliteratur lege, werden auch die von mir ausgewählten Veranstaltungen einen politischen Schwerpunkt haben. Als Buchblogger habe ich zudem ein Augenmerk auf Treffen und Sessions geworfen, die speziell für Blogger angelegt sind. Diese findet ihr hier als Pdf: Veranstaltungen für Buchblogger.

Wer ein paar Inspirationen braucht oder keine Lust hat, sich einen eigenen ausführlichen Zeitplan zusammenzubasteln, hier meine vorläufige Planung für Leipzig liest auf dem Messegelände (Drei Tage lbm18 im Überblick):

Täglich

10:00 – 18:00 Uhr: Das Parade Atelier, Dutch Foundation for Literature / Flanders Literature, Halle 4, C30

10:00 – 18:00 Uhr: „Keine Bank für alle Ärsche“, Kunstprojekt von Frankfurter Berufsschülern / Erinnerung an Apartheid und Judenverfolgung, Forum OstSüdOst Halle 4, Stand D401

10:00 – 18:00 Uhr: Der LEIPZIGER LESEKOMPASS, Ausstellung der Siegertitel 2018, Leipziger Lesekompass Halle 2, Stand B401

10:00 – 18:00 Uhr: Souvenirs selbst gedruckt, Museum für Druckkunst Halle 3, Stand H401

10:00 – 18:00 Uhr: „Erlebnis Druckkunst! Wir drucken Poster zu Ehren von Johannes Gutenberg“, Museum für Druckkunst Halle 3, Stand H40

10:00 – 18:00 Uhr: 5. Manga-Comic-Con – Cosplay-Galerie, Japanischer Teegarten Halle 1, Stand M101

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Wenn Menschen zur Ware werden

Rezensionsexemplar: Andrej E. Skubic – Spiele ohne Grenzen

Andrej Skubic Spiele ohne Grenzen Voland Quist Rezension Buecherherbst Buecherblog neu2Viele Menschen sind inzwischen abgestumpft, wenn sie Meldungen über gekenterte Flüchtlingsboote lesen. Es gehört zum Alltag, ohne außergewöhnliche Beachtung zu finden. Das Drama erscheint weit weg. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass vor allem auf der gefährlichen Route über das Mittelmeer gen Europa wöchentlich, vielleicht sogar täglich dutzende oder tausende Menschen sterben. Sie sitzen in völlig überfüllten, instabilen Booten, tragen qualitativ minderwertige Rettungswesten, die ihnen Hilfe im Überlebenskampf lediglich vorgaukeln. Es gibt keinen europäischen Plan, wie man das oftmals tödliche Überqueren des Meeres verhindern kann, beispielsweise durch wirkliche Hilfe und Aufklärung vor Ort. Stattdessen werden immer mehr und immer höhere verbale und rechtliche Mauern erbaut, um Europa vor den Flüchtlingen aus Afrika zu „schützen“. Eigentlich geht es vor allem darum, die eigenen Volkswirtschaften nur den Menschen offen zugänglich zu halten, die per göttlichem Glücksprinzip innerhalb der eigenen europäischen Staatsgrenzen geboren wurden.

Dass das Ende der Unmenschlichkeit innerhalb der Abschottungspolitik noch nicht erreicht sein muss, zeigt Andrej E. Skubic eindrucksvoll in Spiele ohne Grenzen. Während weiterhin fast täglich Menschen versuchen, aus Afrika per Boot in Richtung Europa zu gelangen, hat die Europäische Union das Flüchtlingsproblem privatisiert: Das heutzutage noch durchaus übliche Vorgehen vieler NGOs, die gekenterten Menschen zu retten und in einen sicheren europäischen Hafen zu bringen, ist in Skubics Novelle nur mit spezieller Konzession möglich und vor allem den Italienern vorbehalten. Alle Anderen gehen auf die Suche nach den übrig gebliebenen Leichen, um sie zusammen mit ihren Habseligkeiten aus dem Meer zu fischen – und damit wird dank lukrativer EU-Subventionen Geld verdient. Das Elend der Menschen wird ausgenutzt und die Profitgier auf die Spitze getrieben.

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Neues Jahr, neue Wunschliste [Frühjahr 2018]

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(c) Lupo/pixelio.de

Nach dem Luther-Jahr folgt das Marx-Jahr: Insbesondere die sachbuchorientierten Verlage veröffentlichen zu Jahresbeginn 2018 zahlreiche neue Bücher anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx am 5. Mai. Aber nicht weniger (bedeutende) Werke erscheinen anlässlich des 100. Geburtstages (18. Juli) von „Afrikas Lichtgestalt“, Nelson Mandela. Darüber hinaus gibt es Neuerscheinungen von Haruki Murakami, T.C. Boyle, Laksmi Pamuntjak; Thea Dorn wird politisch, Martin Walser schreibt weiter, Gregor Gysi bringt Marx mit in die heutige Zeit, Jutta Ditfurth warnt vor dem Faschismus und Peer Steinbrück belehrt die Sozialdemokratie.

Eine Linkliste zu den Verlagsvorschauen findet ihr hier:
Verlagsvorschauen im Überblick
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Es gab durchaus schon interessantere Verlagsvorschauen, als diese für das Frühjahr 2018. Nichtsdestotrotz findet man beim genauen Hinschauen zahlreiche spannende Neuerscheinungen. Gerade im Januar stehen einige Kracher an: Los geht es mit Arno Geigers Unter der Drachenwand. Es folgen Bernhard Schlink, Haruki Murakami und Navid Kermani.

Ich habe mich durch die Vorschauen gewühlt und eine neue Wunschliste für die kommenden Monate zusammengetragen. Dabei liegt der Schwerpunkt insbesondere auf den Themenfeldern Politik / Flucht / Europa, so dass auch das eine oder andere Sachbuch seinen Weg in die Wunschliste gefunden hat. Bei manchen Verlagen reicht die Vorschau gar bis in den Sommer hinein, so dass ich bereits längerfristig plane, jedoch im Laufe des Jahres sicherlich noch Ergänzungen hinzufügen werde.

Damit ich nicht zu viele Bücher kaufe, die am Ende auf dem SuB versauern, habe ich – mit einigen namhaften Ausnahmen – lediglich Bücher gewählt, die maximal 350/400 Seiten haben. Jetzt möchte ich euch zunächst einen Überblick über die Bücher auf meiner Wunschliste geben, folgend stelle ich dann die Bücher nochmals einzeln vor:

10. Januar: Arno Geiger – Unter der Drachenwand, 480 Seiten, Hanser
12. Januar: Bernhard Schlink – Olga, 320, Diogenes
22. Januar: Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I, 480, DuMont
26. Januar: Navid Kermani – Entlang den Gräben, 445, C.H. Beck
29. Januar: Leander Steinkopf – Stadt der Feen und Wünsche, 112, Hanser Berlin
29. Januar: T.C. Boyle – Good Home, 432, Hanser

20. Februar: André Kubiczek – Komm in den totgesagten Park und schau, 320, Rowohlt Berlin

1. März: Andrej Nikolaidis – Der ungarische Satz, 150, Voland & Quist
5. März: Vincent F. Hendricks, Mads Vestergaard – Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien, 180, Blessing Verlag
8. März: Joschka Fischer – Der Abstieg des Westens, 176, Kiwi
9. März: Matthew Desmond – Zwangsgeräumt. Armut und Profit in der Stadt, 528, Ullstein
12. März: David Grossmann – Eine Taube erschießen, 128, Hanser
12. März: Imaani Brown – Hallo Deutschland, 256, Heyne
15. März: Matthias Göritz – Parker, 352, C.H. Beck
22. März: Slavoj Zizek – Das Kommunistische Manifest. Die verspätete Aktualität des Kommunistischen Manifests, 160, Fischer
27. März: Toni Morrison – Die Herkunft der Anderen, 112, Piper

10. April: Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf, 160, Knaus
11. April: Hermann Hesse – „In den Niederungen des Aktuellen“ (Briefe, 1933-1939), 750, Suhrkamp
13. April: Gregor Gysi – Marx & wir. Warum wir eine neue Gesellschaftsidee brauchen, 144, Aufbau Verlag
16. April: Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore II, 500, DuMont
26. April: Roberto Bolaño – Der Geist der Science-Fiction, 224, S. Fischer
26. April: Rüdiger Barth / Hauke Friederichs – Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Demokratie, 320, S. Fischer

2. Mai: Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers, 260, Suhrkamp
11. Mai: Ingo Zamperoni – Anderland. Die USA unter Trump – ein Schadensbericht, 160, Ullstein
14. Mai: Ta-Nehisi Coates – We were eight Years in Power – Eine amerikanische Tragödie, 336, Hanser Berlin
17. Mai: Nelson Mandela – Briefe aus dem Gefängnis, 600, C.H. Beck
23. Mai: Jutta Ditfurth – Haltung + Widerstand, 144, Hoffmann & Campe

1. Juni: Alice Zeniter – Die Kunst zu verlieren, 560, Berlin Verlag
6. Juni: Stephen Parker – Bertolt Brecht, 1.000, Suhrkamp
24. Juli: Max Annas – Finsterwalde, 352, Rowohlt Hundert Augen Weiterlesen

Büchertipps statt Böllerwahn

Buchtipps BuecherstattBoeller Buecherherbst BuecherblogEs ist kein Geheimnis, dass ich nicht viel von der ganzen Böllerei rund um Silvester halte. Abgesehen von den Gefahren (#illegaleBöller) einerseits sowie der Vorstellung andererseits, wie viele sinnvolle Projekte man mit diesem ganzen verfeuerten Geld unterstützen könnte, verstehe ich ohnehin nicht, warum in einer ganzjährig lauten Welt das Jahresende mit einem noch lauterem Knall beendet respektive das neue Jahr begonnen werden sollte. Warum kann nicht einfach die Ruhe gefeiert werden? Anstatt zu Jahresbeginn Kraft zu tanken, um wichtige oder schöne Vorhaben anzugehen, wird in Übermaß Geld ausgegeben für wenige Sekunden „Spaß“.

Für alle Menschen, die sich das Geld gespart haben und lieber das Neue Jahr mit guten Büchern beginnen möchten, habe ich ein paar Buchtipps für den Start in 2018. In einer immer stärker politisierten Welt – und auch einer stark politisierten und polarisierten deutschen Gesellschaft – sind meine Empfehlungen ebenfalls durchaus politisch. Was die Bücher sowie den Jahreswechsel eint: Ein Neuanfang hält viele neue Chancen bereit.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Robert Menasse Hauptstadt Rezension Buecherherbst Buecherblog Suhrkamp EU

(c) Suhrkamp

Beginnen möchte ich mit dem besten Roman des Jahres – und das nicht nur, weil er mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde: Robert Menasses Die Hauptstadt (Europa am Scheideweg: Utopie oder Ruine). So leidenschaftlich wie der österreichische Autor hat zuvor niemand in Romanform für Europa geworben. Das auf Ewigkeit angelegte Friedensprojekt befindet sich fraglos in seiner schwersten Phase der Nachkriegszeit. Menasse zeigt das schwerfällige Europa und lässt zugleich von einer progressiven Zukunft Europas träumen.

Carolin Emcke – Gegen den Hass

Carolin Emcke Gegen den Hass Fischer Verlag Buecherherbst Buecherblog

(c) S. Fischer

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Europa am Scheideweg: Utopie oder Ruine?

Rezension: Robert Menasse – Die HauptstadtEuropäische Kommission EU Rezension Buecherherbst Buecherblog Menasse Hauptstadt

Robert Menasse Hauptstadt Rezension Buecherherbst Buecherblog Suhrkamp EU

(c) Suhrkamp

Wer Robert Menasse fragt, ob das Friedensprojekt Europa bereits gescheitert ist, erhält ein leidenschaftliches Plädoyer für den bürgerschaftlichen Umbau der Europäischen Union in ein Europa der Regionen. Die europäische Idee sei am Scheideweg. Doch es sei noch nicht zu spät, den richtigen Weg einzuschlagen, weg von nationalen Grenzen, weg vom Nationalismus der Staaten. Während im Osten Europas Rechtspopulisten das Wohl des eigenen Volkes über die Idee und das Recht der europäischen Partnerschaft stellen und beispielsweise bei der Flüchtlingsfrage jegliche Verantwortung für ein gemeinsames Handeln von sich weisen, ist in Frankreich eine rechte Präsidentschaftskandidatin nur knapp gescheitert, in Österreich zeichnet sich gar eine Regierungsbildung mit der nationalistischen FPÖ ab, die katalanischen Separatisten – sind es nun egoistische Nationalisten oder überzeugte Europäer? – wollen sich von Spanien loseisen. Doch was kann die Antwort der Proeuropäer und der EU sein, um die Bürger für eine tiefere europäische Integration zu begeistern? In dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Werk Die Hauptstadt gibt Autor Robert Menasse zumindest eine Antwort, wie es nicht geht: Allein das Ansehen der europäischen Institutionen zu verbessern, wird nicht ausreichen.

Wenn Demenz und Tod verhinderten, dass noch jemand Auskunft geben und sich darin erinnern konnte, worum es eigentlich gegangen war und worum es immer noch ging – dann müssten eben Demente und Tote auftreten und dafür einstehen. Würden sie nicht Schrecken und Mitleid erregen und vielleicht Reinigung bewirken? Sogar Verstehen. Plötzlich versteht eine demente Gesellschaft, was sie hatte sein wollen, plötzlich erinnert sich ein todkranker Kontinent an die Medizin, die ihm Heilung versprochen, die er aber abgesetzt und vergessen hatte.

Brüssel ist eine Stadt in ständiger Hektik, depressiv und auszehrend, euphorisierend und hysterisch, mit dauerhaft erhöhtem Puls. Einst reichste Stadt der Welt (1914). Die Hauptstadt Belgiens ist zugleich die inoffizielle Hauptstadt Europas. Hier sitzen mit Europäischer Kommission, Europäischem Rat und EU-Rat die wichtigsten europäischen Institutionen neben dem Europäischen Parlament. Es ist schon irgendwie erstaunlich, dass es vor Die Hauptstadt bislang noch keinen Brüssel-Roman in der Tradition der Städte-Romane gab – obwohl es eigentlich viel mehr ist, nämlich ein leidenschaftlicher Europa-Roman. Dabei bietet die europäische Machtzentrale eine hervorragende Vorlage für mehr oder weniger fiktionale Intrigen und politische Affären. Menasse machte sich selbst für einen längeren Zeitraum ein Bild von dieser Machtblase.

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Menasse gewinnt dbp17: „Eine einzigartige Panoramaaufnahme von Europa“

Logo Deutscher Buchpreis 2017 Buecherherbst BuecherblogJetzt ist es also raus: Robert Menasse gewinnt mit dem Roman Die Hauptstadt den Deutschen Buchpreis 2017. Der Autor zeige, wie wichtig es ist, die Europäische Union zu erhalten, jenseits nationaler Egoismen. „Robert Menasse verwebt Zeiten, Nationen und Institutionen zu einer einzigartigen Panoramaaufnahme von Europa – kriminalistisch angetrieben, philosophisch durchdrungen und dabei immer grundironisch“, begründete die Jury im Rahmen der Verleihung. Das Buch stehe in der Tradition von Balzacs Vorstellung kritischer Zeitgenossenschaft und sei „ein Roman, der alles über unsere Zeit enthält, ohne je zeitgeistig zu werden.“ [Die vollständige Jury-Begründung]

FBM17 Logo Buchmesse Ehrengast Frankreich Buecherherbst Buecherblog Dies war der feierliche Auftakt für die Frankfurter Buchmesse 2017, am Mittwoch geht es dann so richtig los in den Messehallen. Hier wird Buchpreis-Gewinner Robert Menasse auf zahlreichen Bühnen ausführlich über den Roman und seine Entstehung berichten. Welche Veranstaltungen ansonsten noch sehenswert sind, habe ich hier zusammengestellt: Vier Tage auf der fbm17. „2017 wird als ein Jahr in Erinnerung bleiben, in dem viele Weichen gestellt wurden – das gilt für die Politik ebenso wie für ökonomische und gesellschaftliche Zusammenhänge, in Deutschland und in weiten Teilen der Welt. Auf der Frankfurter Buchmesse kommen Aussteller aus über 100 Nationen zusammen. An fünf Tagen steht hier nicht nur das Geschäft mit Inhalten im Vordergrund, vielmehr ist die Frankfurter Buchmesse der Ort, an dem die Branche beweist, dass sie auf der Höhe der Zeit ist: aufgeschlossen für Innovationen, stabil in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und meinungsstark wie eh und je“, sagte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, bereits bei der Auftaktpressekonferenz.

Ehrengastauftritt „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“

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Vier Tage #fbm17: das volle Programm

FBM17 Logo Buchmesse Ehrengast Frankreich Buecherherbst Buecherblog

Der Höhepunkt des Jahres naht: In etwas mehr als einer Woche startet die Frankfurter Buchmesse. Ich werde dieses Mal von Mittwoch bis Samstag vor Ort sein. Aktuell sind mehr als 2.700 Veranstaltungen im Veranstaltungskalender der #fbm17 verzeichnet. Alljährlicher Höhepunkt ist sicherlich die Verkündung des Gewinners des Deutschen Buchpreises 2017 respektive die zahlreichen Gespräche mit dem Preisträger auf den Bühnen der Buchmesse. Außerdem werden ebenso viele weitere Auszeichnungen verliehen: Raif Badawi Award for courageous journalists 2017, LiBeraturpreis 2017, Buchblog-Award 2017 #bubla17, Paul-Celan-Preis, Blogbuster – Preis der LiteraturbloggerFranz-Hessel-Preis, The Beauty and the Book Award. Doch auch darüber hinaus hält das Programm abwechslungsreiche Veranstaltungen bereit, mit teils hochkarätigen Gästen. Beispielhaft sei der Besuch von Salman Rushdie am Donnerstag auf dem Blauen Sofa genannt.

Ich habe einen Blick auf das Programm geworfen und mir meine persönlichen Höhepunkte herausgesucht. Problematisch ist dabei durchaus, dass vielfach interessante Veranstaltungen parallel stattfinden – ich werde spontan vor Ort entscheiden, welche ich dann besuchen werde. Folgend möchte ich euch meinen Plan für vier Tage auf der #fbm17 vorstellen – falls ihr noch Inspirationen braucht oder selbst keine Lust habt, euch durch das komplette Veranstaltungsprogramm zu wühlen.

Hier mein geplantes Programm

(als Pdf am Textende)

alle Tage

11. – 15. Oktober: Die Bibliothèque Nationale de France in Frankfurt | Ehrengast 2017: Frankreich, Ehrengast Pavillon (Forum Ebene 1) |  9:00 – 17:30 Uhr

11. – 15. Oktober: Französischsprachige Comics von heute | Ehrengast 2017: Frankreich, Ehrengast Pavillon (Forum Ebene 1) | 9:00 – 17:30 Uhr

11. – 15. Oktober: Bibliobox (Ausstellung über untypische und außergewöhnliche Bücher) | Ehrengast 2017: Frankreich, Ehrengast Pavillon (Forum Ebene 1) | 9:00 – 17:30 Uhr

Mittwoch, 11. Oktober:

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Worte, die Hoffnung machen

Barack Obama Worte Rezension Buecherherbst BuecherblogVorstellungskraft, Visionen und Mut, aber zugleich Arbeitswillen – diese Werte forderte Barack Obama stets von den Menschen, vornehmlich natürlich von der amerikanischen Bevölkerung, aber auch von der Welt. „Unsere Köpfe sind nicht weniger erfindungsreich, unsere Güter und Dienstleistungen werden nicht weniger benötigt als vorige Woche oder vorigen Monat oder voriges Jahr. Unser Leistungsvermögen ist unvermindert. Aber die Zeit, in der wir uns Änderungen verweigerten, in der wir kleinliche Interessen verteidigten und unangenehme Entscheidungen aufschoben – diese Zeit ist mit Sicherheit vorbei. Ab heute müssen wir aufstehen, den Staub abklopfen und mit der Arbeit beginnen, Amerika zu erneuern“, verlangte Obama von seinen Landsleuten in seiner Antrittsrede 2009.

Seine Reden sind stets voller Optimismus, aber auch mit einem klaren Blick auf die Realitäten der Menschen und des Landes. Er wollte Hoffnung verbreiten. Jeder sollte wieder an den amerikanischen Traum glauben, dass der Aufstieg für alle Bürger möglich ist. Betrachtet man Barack Obamas Reden aus heutiger Sicht, wirken sie angesichts des Handelns seines Nachfolgers wie aus der Zeit gefallen, aus einer anderen Dekade – und zugleich als Hoffnung auf die Zukunft. Seine bedeutendsten Reden sind jetzt in einem Band „Barack Obama – Worte müssen etwas bedeuten“ zusammengefasst.

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Spannendes Programm bei „Leipzig liest“ @lbm17

Leipziger Buchmesse lbm17 Leipzig liest Buecherherbst Buecherblog Programm UeberblickBald dreht sich in Leipzig wieder alles um Bücher und ums Lesen: Am 23. März eröffnet die Leipziger Buchmesse 2017 samt Lesefest Leipzig liest ihre Pforten. Dabei gibt es ein vielfältiges Programm und interessante Leseorte zu entdecken. Einen Überblick über das vollständige Programm findet man im Downloadbereich der Messe. Online bietet sich zudem die Möglichkeit, das Programm mit fast 3.500 Veranstaltungen nach Datum, Genre oder Veranstaltungsart zu durchsuchen. Darüber hinaus findet sich ein Les-O-Mat, mit dessen Hilfe man nach dem Zufallsprinzip Empfehlungen erhält.

Ich werde erstmalig während aller #lbm17-Tage vor Ort sein. Hierfür habe ich mir wieder einen (umfangreichen) Veranstaltungsplan „erarbeitet“, um nichts zu verpassen – angesichts der Vielzahl an Veranstaltungen natürlich ein kaum mögliches Unterfangen. Wer ein paar Inspirationen braucht oder keine Lust hat, sich einen eigenen ausführlichen Zeitplan zusammenzubasteln, hier meine vorläufige Planung für Leipzig liest auf dem Messegelände (am Textende auch als Pdf):

täglich (23. bis 26. März):
10:00 – 17:00 Uhr: BeeinDRUCKend! Johannes Gutenberg erklärt seine Erfindungen, Druckvorführung, Gutenberg-Museum Mainz Halle 3, Stand H500

10:00 – 17:00 Uhr: Sachenmacher Mitmach-Workshop „Lesezeichen“, Wehrfritz GmbH Halle 2, Stand B300

10:00 – 18:00 Uhr: Drei Steine, Ausstellung (Nils Oskamp erzählt in seiner autobiografischen Graphic Novel „Drei Steine“ die Geschichte seiner Jugend in den 1980er Jahren in Dortmund-Dorstfeld, wo er Opfer rechter Gewalt wurde), Forum Sachbuch Halle 5 Halle 5, Stand C200

10:00 – 18:00 Uhr: Alma M. Karlin – Die Weltreisende aus der Provinz, Ausstellung (ein aktuelles biographisches Graphic Novel zu der slowenisch-deutschen Autorin Alma Karlin), Ausstellung Slowenien Halle 4, Stand D504

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Neuerscheinungen Büchervorschau Verlagsvorschau Buecherherbst Buecherblog

Fotorückblick zur Frankfurter Buchmesse 2016

Politisch geprägt wie selten zuvor ist heute die Frankfurter Buchmesse zu Ende gegangen und konnte dabei ein durchaus positives Fazit ziehen: Rund 277.000 Besucher kamen an den Fachbesucher- sowie Publikumstagen zur fbm16. „Wir beobachten mit großer Sorge, dass die Meinungs- und Publikationsfreiheit in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern akut bedroht ist. Dieses Thema betrifft unsere Branche weltweit, und die große Welle der Solidarität, die auf der Buchmesse sichtbar wurde – für Can Dündar, Asli Erdogan oder Raif Badawi – wird global wahrgenommen“, sagte Juergen Boos (Quelle: Debatten um kulturelle Identitäten sowie geistiges Eigentum bestimmen die FBM16).

Hier meine Impressionen vom Buchmesse-Wochenende in der kompletten Fotorückschau:

 

Netzwerkerin mit viel Herzblut

BücherFrauenIm Rahmen meiner Rückblende Anfang April (Mehr Aufmerksamkeit für weibliche Stimmen“) berichtete ich über die aktuell laufende Abstimmungsphase für den LiBeraturpreis des Vereins Litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, der Werke von Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt auszeichnet. Nun wurde Litprom-Geschäftsleiterin Anita Djafari als BücherFrau des Jahres 2016 ausgezeichnet („Neue BücherFrau des Jahres“), ein Preis der alljährlich vom Netzwerk BücherFrauen/Women in Publishing vergeben wird. Zur Begründung heißt es, dass Djafari eine „unermüdliche Netzwerkerin [sei], die ihre Projekte mit unbändiger Energie und viel Herzblut vorantreibt“ („Mit Herzblut für die Weltliteratur“).

Weitere Themen der vergangenen Woche in der Rückblende:

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Der Lebenswille kennt keine Grenzen

Die Forderung nach einer geregelten Flüchtlingsaufnahme, nach Kontingenten und numerischer Obergrenze, ist stets leicht formuliert. Zuvorderst richtet sie sich an die regierenden Politiker. Doch zugleich wird indirekt von den Menschen, die auf der Flucht sind, verlangt, sich dem Verfahren zu fügen. Dabei wissen wohl nur die Wenigsten, welchen Weg und welches Leid die Flüchtlinge bislang ertragen mussten – und deshalb gerade nicht in unterversorgten, unhygienischen Camps verharren möchten, sondern auf der Suche nach einem sicheren, geregelten Leben in der Mitte des europäischen Kontinents sind. Navid Kermani wollte erfahren, wer diese Menschen sind, die vor dem Krieg fliehen und sich auf einen gefährlichen Treck quer durch Europa begeben. Auf seiner Reise in umgekehrter Richtung der Flüchtlingsroute versuchte er, den Menschen ins Gesicht zu schauen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihren unermüdlichen Glauben an ein besseres Leben nachzuvollziehen. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Moises Saman ist mit Einbruch der Wirklichkeit ein bewegendes literarisches Werk voll sprachlicher Wucht und nachdenklich stimmender Bilder herausgekommen. Es lässt den Leser die Qual der Flucht erahnen – nachempfinden kann sie wohl selbst Kermani nicht. Weiterlesen