Meine Lesehöhepunkte 2016

buecher 2016 buecherherbst buecherblog rueckschauZum Jahresende ist es auch stets an der Zeit, einen Rückblick auf die vergangenen Monate zu werfen. Höhepunkte waren sicherlich die beiden großen Buchmessen in Leipzig (Fotorückblick zur #lbm16) und Frankfurt (Fotorückblick zur #fbm16). Doch darüber hinaus gab es auch bei den Neuerscheinungen außergewöhnliche Entdeckungen – ich möchte deshalb nochmals meine sechs Bücher des Jahres 2016 vorstellen:

Navid Kermani – Einbruch der Wirklichkeit
Die Forderung nach einer geregelten Flüchtlingsaufnahme, nach Kontingenten und numerischer Obergrenze, ist stets leicht formuliert. Zuvorderst richtet sie sich an die regierenden Politiker. Doch zugleich wird indirekt von den Menschen, die auf der Flucht sind, verlangt, sich dem Verfahren zu fügen. Dabei wissen wohl nur die Wenigsten, welchen Weg und welches Leid die Flüchtlinge bislang ertragen mussten – und deshalb gerade nicht in unterversorgten, unhygienischen Camps verharren möchten, sondern auf der Suche nach einem sicheren, geregelten Leben in der Mitte des europäischen Kontinents sind. Navid Kermani wollte erfahren, wer diese Menschen sind, die vor dem Krieg fliehen und sich auf einen gefährlichen Treck quer durch Europa begeben.

Navid Kermani ist mit Einbruch der Wirklichkeit eine scharfsinnige Demonstration dieser unvorstellbaren menschlichen Dramen, die sich alltäglich auf den Fluchtwegen zwischen Syrien, Afghanistan oder dem Irak und Deutschland abspielen, gelungen. Mithilfe beeindruckender, eindringlicher und zugleich bedrückender Fotos wird das Grauen der Flucht nochmals ungeschönt unterstrichen.

melle-welt-im-ruecken rezension buecherherbst buecherblog fbm16 dbp16Thomas Melle – Die Welt im Rücken
Thomas Melles Offenheit mit der Krankheit ist bewundernswert, seine Darstellung ist beängstigend und verstörend wie das Flirren eines defekten Lichts im mit 300 km/h durch einen endlosen, dunklen Tunnel rasenden ICE. Innerlich hatte Melle schon Abschied genommen von seinem Leben, wie er offen eingesteht. Wenn der Teufel einmal die eigene Seele im Klammergriff hat, fühlt man sich wahrscheinlich wie im Brennofen der Hölle. Es ist dieses Grauen, das Melle mehrfach durchmachte. Nichts erscheint ihm mehr lebenswert. Man möchte ihm am liebsten zurufen: Halte durch, es geht vorbei.

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Glaube an den amerikanischen Traum

Fante 1933 Rezension Buecherherbst Buecherblog

(c) Oliver Pfleiderer/pixelio.de

Das Amerika der 1930er Jahre war geprägt von der Weltwirtschaftskrise nach dem großen Börsencrash 1929 und von massenhafter Arbeitslosigkeit. Das Geld der meisten Bürger reichte nicht einmal bis zur Monatsmitte, weder für ausreichend Essen, noch für warme Kleidung im Winter. US-Präsident Franklin D. Roosevelt versuchte mit dem New Deal, einer Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, Amerika wieder auf die Beine zu helfen. In dieser harten Zeit spielt 1933 war ein schlimmes Jahr von John Fante – eine fantastische Wiederentdeckung, die erst posthum veröffentlicht wurde.

Fante 1933 Aufbau Verlag Blumenbar Rezension Buecherherbst BuecherblogDer Roman handelt von dem 17-Jährigen Dominic Molise, dessen Familie aus Italien in die USA immigriert ist. Er wohnt gemeinsam mit seinen drei Geschwistern, seinen Eltern und seiner Großmutter in Roper, einer Kleinstadt in Colorado am Fuß der Rocky Mountains, in der vom Aufschwung allerdings noch nicht viel zu spüren ist. Dominics Großmutter Bettina ist nachhaltig verbittert angesichts des Desasters der Gesellschaft; seine Mutter hat sich widerspruchslos in ihre Rolle gefügt, ist sehr gläubig („Sie opferte sich für Gott, meinen Vater und ihre Kinder, und sie ging durchs Leben mit einer Dornenkrone auf dem Haupt und den Wundmalen Christi an den Händen und Füßen. Ihre Leiden waren unerträglich, man hätte sich gewünscht, sie würde nur einmal »Ach, Scheiße« sagen oder »Fick dich, Jasper« oder »Halt doch einfach mal die Fresse«.“); sein Vater ist ein arbeitsloser Maurer, der die Familie kaum ernähren kann und sich mit Billardspielen in versifften Kneipen über Wasser hält. Das Geld reicht kaum für einen wärmenden Mantel in diesem bitterkalten Winter 1933. Weiterlesen