Lesenswertes aus aller Welt

Preis der Leipziger Buchmesse – Kategorie Übersetzung

lbm18 Logo Leipziger Buchmesse 2018 Buecherherbst BuecherblogWeniger als 24 Stunden und wir wissen, wer den jeweiligen Preis der Leipziger Buchmesse in den drei Kategorien gewonnen hat. Nachdem ich an den beiden vergangenen Tagen bereits die Nominierten in den Kategorien Belletristik sowie Sachbuch / Essayistik vorgestellt hatte, widme ich mich heute der dritten Kategorie: Übersetzung. Ein Vergleich zwischen den Nominierungen ist natürlich schwierig, nichtsdestotrotz habe ich hier einen Favoriten: Robin Detje mit der Übersetzung von Joshua Cohens Buch der Zahlen. Überzeugt hat mich das Außergewöhnliche im Zusammenspiel der verschiedenen literarischen Gattungen, ebenso wie die sprachliche Explosion, wie die Jury in ihrer Begründung zu recht anmerkt: „Cohens Sprach-Furor kennt keine Grenzen, und Detje steht ihm in nichts nach. Lustvoll bildet er die wild voran preschenden Sätze nach, erfindet Wörter und inszeniert einen verbalen Höhenrausch.“

Nun aber ein Überblick über die Nominierten in der Kategorie Übersetzung (alphabetisch nach Namen der Übersetzer): 

Robin Detje übersetzte aus dem Englischen Buch der Zahlen von Joshua Cohen

Cohen Joshua Buch Zahlen Schoeffling Nominierte pdlbm18 Buecherherbst BuecherblogInhalt: Ein gescheiterter Autor verliert am 11. September alles, was ihm am Herzen liegt: Seine Frau verlässt ihn, sein Buch floppt, der Buchladen, in dem er sein Geld verdient, liegt in Trümmern. Da erhält er den lukrativen Auftrag, die Memoiren eines Mannes zu schreiben, der genauso heißt wie er und ansonsten sein genaues Gegenteil ist: Ein Internetmogul, Erfinder des Algorithmus, der die totale Überwachung ermöglicht und unser aller Leben verändert.
Autobiografie, Familiengeschichte, Ghostwriting fur Anfänger, Silicon-Valley-Historie, internationaler Thriller, Sexkomödie. (Schöffling & Co.)

Leseprobe

„Was Joshua Cohen (*1980) uns Lesern hier in die Hände zaubert, ist ein irrwitziger Mix aus Sprachgewalt, umfassendem Wissen über die Geschichte des Internets und derbem Humor, gespickt mit jeder Menge metafiktionalen Spielereien. Eigentlich sind es zwei Romane in einem, denn beide Cohens bekommen ihre eigene Geschichte.“ (Bookster HRO)

„In seinem Buch der Zahlen hat er sich für ein gewagtes Konstrukt entschieden, das sicherlich für nicht wenige Leser eine Herausforderung stellen wird. Schaut man jedoch unter die Oberfläche der Erzählung, finden sich zahlreiche interessante und kritische Momente, bisweilen sogar geradezu zynische Kommentare.“ (Missmesmerized)

„Joshua Cohens verrücktes Buch der Zahlen könnte der bislang wichtigste Internet-Roman unserer Zeit sein: eine Art The Circle für Menschen mit Gehirn.“ (Frankfurter Allgemeine)

Olga Radetzkaja übersetzte aus dem Russischen Sentimentale Reise von Viktor Schklowskij

Viktor Schklowskij Sentimentale Reise Andere Bibliothek Nominierte pdlbm18 Buecherherbst BuecherblogInhalt: Mit seiner Kunst des Erzählens hat Viktor Schklowskij die Zeit von 1917 bis 1922 durchlebt und überlebt: als Kommissar an der russisch-österreichischen und an der persisch-osmanischen Front, als sozialrevolutionärer Soldat im Kampf gegen die Bolschewiki, auf der Flucht nach Finnland 1922, als ihm die Verhaftung drohte. Als Literaturtheoretiker wurde Viktor Schklowskij weltweit bekannt und starb 91-jährig 1984 in Moskau.
Welterschütternde fünf Jahre beschreibt dieser Bericht: von Krieg, Bürgerkrieg und Revolution, von Angst und Ohnmacht und Tod – mit scharfem Blick, hart und kühl im Stil, immer ironisch und niemals sentimental. Dieses Buch ist das anatomische Präparat eines schreibenden und handelnden Zeitzeugen als literarisches Kunstwerk. (Die Andere Bibliothek)

„Schklowskijs Sentimentale Reise ist ein poetischer Versuch der Rechtfertigung einer eigenen Sicht auf die Geschehnisse. Dabei kommt ihm eine Wahrnehmung zugute, die nichts ausschließt. Er ist imstande, über die Liebe zu schreiben, aber auch über auch die Schrecken des Krieges.“ (WDR)

„Es ist diese eigenwillige Mischung aus hoher emotionaler Intensität und strukturalistischer Analyse […]. Der Widerspruch baut eine anhaltende Spannung auf und gebiert immer wieder eine überraschende poetische Schönheit – literarisches Pendant zur historischen Wahrheit?“ (Deutschlandfunk Kultur)

„Es ist eine Absage an einen Sinn und an den bergenden Strom des Realismus. In Schklowskijs Kriegs- und Revolutionsmemoiren ist vielmehr alles offen, luftig und sprunghaft ist das Geflecht seiner Sätze, rasant folgt Szene auf Szene, einzig sicher ist, dass auf Ruhe wieder Unruhe folgt, auf Stille wieder Gefechtsdonner, auf Höhe der Absturz.“ (BR)

Sabine Stöhr und Juri Durkot übersetzten aus dem Ukrainischen Internat von Serhij Zhadan

Serhij Zhadan Internat Suhrkamp Nominierte pdlbm18 Buecherherbst BuecherblogInhalt: Ein junger Lehrer will seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause holen. Die Schule, in der seine berufstätige Schwester ihren Sohn »geparkt« hat, ist unter Beschuss geraten und bietet keine Sicherheit mehr. Durch den Ort zu kommen, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, dauert einen ganzen Tag. Der Heimweg wird zur Prüfung. Die beiden geraten in die unmittelbare Nähe der Kampfhandlungen, ohne mehr sehen zu können als den milchigen Nebel, in dem gelbe Feuer blitzen. Maschinengewehre rattern, Minen explodieren, öfter als am Tag zuvor. Paramilitärische Trupps, herrenlose Hunde tauchen in den Trümmern auf, apathische Menschen stolpern orientierungslos durch eine apokalyptische urbane Landschaft. (Suhrkamp Verlag)

Leseprobe

„Der Schriftsteller Serhij Zhadan hat einen Roman über den Krieg im Donbass geschrieben: Internat verbindet auf brillante Weise Kriegsreportage und politische Essayistik. […] Deshalb ist es natürlich verlockend, das Buch als Beitrag zum ukrainischen nation building zu verstehen, als Durchhalteliteratur für den ukrainischen Patrioten.“ (Süddeutsche Zeitung)

Michael Walter übersetzte aus dem Englischen Werkausgabe in 3 Bänden von Laurence Sterne

Laurence Sterne Werksausgabe Galiani Verlag Nominierte pdlbm18 Buecherherbst BuecherblogInhalt: Zum 250. Todestag des Urvaters des modernen Romans die erste deutsche Werkausgabe. Mit zahlreichen Erst- und Neuübersetzungen; komplett übersetzt vom vielfach preisgekrönten Michael Walter, prächtig ausgestattet. (Verlag Galiani Berlin)

Mehr Infos zur Werksausgabe

„Unter allen verrückten Schriftstellern war der Reverend Laurence Sterne vielleicht der verrückteste. Vor 250 Jahren starb er, aber nicht einmal ins Grab fand er ohne Abschweifung.“ (Welt)

Ernest Wichner übersetzte aus dem Rumänischen Oxenberg und Bernstein von Cătălín Mihuleac

Catalin Mihulea Oxenberg Bernstein Zsolnay Hanser Nominierte pdlbm18 Buecherherbst BuecherblogInhalt: Die reiche Dora Bernstein und ihr Sohn Ben aus Amerika besuchen Iasi, die Wiege der rumänischen Kultur. Eine junge Frau, Suzy, zeigt ihnen die Stadt. Wenig später macht Ben ihr einen Antrag. Sie heiraten, und Suzy fängt an, sich für die Geschichte ihrer neuen Familie und die ihrer alten Heimat genauer zu interessieren. Sie stößt auf ein Mädchen, das 1947 mit 17 Jahren nach Wien gekommen ist. Als Einzige einer angesehenen Familie ist es ihr gelungen, das Pogrom in Iasi und den Holocaust zu überleben. Im Wiener Rothschild-Spital findet sie Zuflucht und erweist sich als begabte Schneiderin. Dort trifft sie einen GI, der ihr den Hof macht. Mit diesem beeindruckenden Familienroman ist ein großartiger Erzähler zu entdecken. (Paul Zsolnay Verlag)

Leseprobe

„Das alles liest sich unverschämt deftig und politisch unkorrekt, mitunter zotig. Doch Mihuleacs stilistische Gratwanderung, in der traumwandlerisch sicheren und gewandten Übersetzung Ernest Wichners, erscheint so kühn wie letztlich überzeugend: Gerade der scheinbar leichtfertige burleske Erzählton bringt das grauenvolle Geschehen umso beklemmender zum Vorschein.“ (Deutschlandfunk Kultur)

„Nicht nur wird das gigantische Verbrechen am Beispiel eines weitgehend unbekannten Pogroms mit einer Anschaulichkeit geschildert, die man nur von den Größten kannte, von Primo Levi, Imre Kértesz, Jean Améry, Robert Antelme; es wird auch noch eine böse Skizze Rumäniens nach der Revolution von 1989 und all der gesellschaftlichen und kommerziellen Seltsamkeiten der Jahrzehnte seither geboten. Dieser Aspekt verblasst zwar gegenüber der Gewalt des Berichts über das Pogrom von Iaşi, aber er profitiert wiederum von Mihuleacs provozierender Sprache, denn all deren Frivolität, Flapsigkeit und Ironie ist dort gar nicht mehr fehl am Platze, wo es „nur“ um Bauernschläue und Dreistigkeit, um Korruption und Vetternwirtschaft geht.“ (Frankfurter Allgemeine)

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