Wer ist hier das Problem?

Rezension: Leo | Steinbeis | Zorn – Mit Rechten reden. Ein Leitfaden

Mit Rechten reden Rezension Leo Steinbeis Zorn Buecherherbst Buecherblog Klett CottaSpätestens mit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag stellt sich mit Nachdruck die Frage: Kann, soll, darf oder muss man gar mit Rechten, Rechtspopulisten oder Rechtsextremen reden – und falls ja: wie? Für das Autorentrio Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn steht fest, dass eine „Lösung“ des Problems mit rechten Umtrieben jeglicher Couleur nur darin bestehen kann, dass man mit den Rechten redet. Sie versuchen sich mit ihrem „Leitfaden“ Mit Rechten reden an einer Antwort, wie dies Nicht-Rechten gelingen kann, so dass beide Welten vielleicht sogar davon profitieren könnten, aber zumindest so, dass Nicht-Rechte die Rechten klar entlarven, ohne sie gänzlich aus der Welt negieren zu wollen. Als problematisch stellt sich allerdings bereits die Definition dar, wer genau die Rechten sein sollen, um überhaupt zu wissen, wer der Adressat ist. Das heben die Autoren vorab hervor. Jedoch wissen sie auch im Laufe des Buches keine hinreichende Antwort zu geben.

Ausgangspunkt für den Diskurs ist das bedrängende Gefühl im Angesicht der Rechten, mit dem niemand so recht umzugehen weiß, gleich ob es sich um Familienangehörige, Freunde oder Fremde handelt. Die Autoren betrachten Rechte aus der „dialektischen Perspektive“, die „uns selbst mit einschließt“. Dabei stellt sich die Frage: Haben wir – wir Nicht-Rechte – vom Grundsatz her ein Problem mit der Gesellschaft? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Rechten ein Problem mit der liberalen Gesellschaft haben und zugleich als Problem der Gesellschaft in Erscheinung treten? Es sind doch teils verharmlosende Vergleiche, welche die Autoren für das Zusammenleben von Rechten und restlicher Gesellschaft ziehen, beispielsweise der Vergleich mit Beziehungsproblemen. Wer meint, so einfach wie in jeder „normalen“ Beziehung ließen sich die Differenzen lösen, verfehlt die Dimensionen um Welten.

Und für diese Ansicht werde der mutige, wegen seines Freitodes tragischerweise ganz und gar wehrlose Autor nun von der links-liberalen Meinungspolizei mit Zensur und Verachtung gestraft. Opfer, schon wieder ein unschuldiges Opfer! Leute, kauft Opfer! Frische Opfer, reife Opfer! Bittersüße, achselschweißsaure, tränensalzige Opfer! Deutsche! Kauft, werdet, seid Opfer!

Zweifelhaft ist ebenso die Zuschreibung, dass Leo, Steinbeis und Zorn im moralistischen Denken der Nicht-Rechten das Ausgangsproblem für den Konflikt sehen: „Der oberste Grundsatz des Moralismus lautet: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Damit ist das ‚Böse‘ zwar nicht aus der Welt, aber es soll sich nicht mehr öffentlich zeigen. In diesem Sinn markiert der Moralismus rechte Inhalte als etwas, das zwar kein Gesetz verbietet, aber dennoch nicht sein darf. Die Bejahung von Ungleichheit und Macht darf nicht sein, das Fremdeln mit dem Fremden nicht, die Identifikation mit dem eigenen Volk nicht.“ Zugleich wissen viele Menschen nicht, ob man den Rechten eine Bühne, beispielsweise in Talkshows, geben sollte. Eine Redeverbot für Rechte sei ein Ausweis von Schwäche. Klar sei jedoch: „Es geht schon lange nicht mehr um [die] Frage, ob wir mit den Rechten reden sollen, sondern allein darum, wie wir es tun.“

An manchen Stellen bleibt einem als Leser gar die Spucke weg: Die Autoren bieten einen Kuhhandel, so dass den Rechten für die Anerkennung der Diversität der Nicht-Rechten zugestanden werde, dass die Sprache der Rechten „Reichtum birgt“. Und dies sei die Anerkennung der Sprache als Gemeinsamkeit von Rechten und Nicht-Rechten. Dabei ist es doch gegenteilig: Gerade die Dialektik der Rechten spaltet und trennt.

Der rechte Diskurs reagiert auf eine demokratische Öffentlichkeit in der Krise

Darüber hinaus hätte an mancher Stelle eine Fußnote Not getan – immerhin handelt es sich bei den Autoren doch allesamt um Menschen mit universitärem Abschluss. Denn den Namen Martin Heidegger anerkennend einzustreuen, ohne nur einmal zu erwähnen, dass es sich um einen Nazi der ersten Stunde mit NSDAP-Parteibuch ab 1933 handelt, ist zumindest fahrlässig. Als sei er ein völlig unverfänglicher Philosoph, den man durchaus zitieren oder seine Ansichten als beispielhaft anführen könne.

Vielleicht etwas zu spät versuchen sich Leo, Steinbeis und Zorn an einer Erklärung für den Aufstieg der Rechten: der ideologische Niedergang der Linken. Man könnte es auch als eine ideologische Annäherung der extremen Ränder deuten, hierzu reicht es schließlich, die Aussagen der politischen Linken, zum Beispiel von Sahra Wagenknecht zur Flüchtlingspolitik, zu betrachten. Die rhetorische Nähe zur AfD ist frappierend. Dabei sei das Fatale, so die Autoren, dass Linke und Rechte sich gegenseitig bräuchten – und deshalb die Linken nicht die Lösung seien, auch wenn ihre Ziele hehr und richtig erscheinen. Die Taktik der Rechten sei nunmal, die Linke zu imitieren und ihre Bühne zu nutzen. Zu Ende gedacht bedeutet dies: Geben die Linken keine Ruhe, werde man auch die Rechten nie los.

Wer die Gleichheit aller Menschen zur Grundlage des Zusammenlebens mache, der verleugne die natürlichen Unterschiede zwischen ihnen.

Doch würde die Gesellschaft die Rechten einfach „wegsperren“, wäre sie keinen Deut besser. Gefühltes Unrecht würde schlicht mit faktischem Unrecht bekämpft. Man dürfe dabei auch nicht in die Hass-Falle tappen. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und die Rechten lebten genau von dieser gesellschaftlichen Empörung. Dabei sei ein klares Muster erkennbar: Rechte schreiben „x, y ist…“ und darauf folge eine ausgrenzende Reaktion von Nicht-Rechten durch einen „Das ist…“-Satz. Es sei „wie beim Trampen. Irgendwann nimmt dich einer mit. Irgendwann reagiert jemand auf deinen herausfordernden X-ist-Satz […].“ Und schon sind die Rechten in der Opferrolle – die sie nur zu gerne annehmen.

Am stärksten ist das Buch, wenn das Autorentrio seziert, wie fundamentlos die Theorien der großen rechten Vordenker sind, deren Kriterien bloß auf Gefühlen basierten, aber trotzdem stets von den Rechten als theoretische Grundlage ihres Handeln herangezogen werden. Diesen – eher wenigen – guten Passagen folgt aber immer wieder eine engstirnige These. So behaupten sie, dass Rechte untereinander wesentlich zivilisierter miteinander reden würden. Um das Gegenteil zu beweisen, muss man lediglich in diverse rechtsgesinnte Gruppen bei Facebook reinlesen. „Dort dürfen die ‚Patrioten‘ kaum zitierfähig posten“, stellt Katja Thorwarth in der Frankfurter Rundschau (Kein Diskurs mit Rechten) fest. Ebenso liegen sie falsch damit, dass Rechte und Nicht-Rechte durchaus gleich seien, gar „Menschen […] innerhalb des Kreises [der Rechten] genauso vielfältig und abwechslungsreich wie außerhalb.“ Diesen Satz des Autorentrios kann man so oft lesen, wie man will, man kann ihn kaum fassen.

Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn offerieren mit Mit Rechten reden durchaus neue Perspektiven und eine interessante Herangehensweise im Umgang mit Rechten. Ob man diese für sich selbst annehmen möchte und ob sie überhaupt erfolgreich sein kann, bleibt vage und fraglich. Eine grundsätzliche Diskussionsbereitschaft der Rechten vorauszusetzen, zeigt das Grundproblem dieses Leitfadens. Für das Gespräch mit Rechten, die durchaus zu einem Austausch der Standpunkte bereit sind, bietet das Buch einen durchaus annehmbaren Ansatz: ein gezieltes Hinterfragen der immer gleichen und gleich ablaufenden Behauptungen. Letztlich entpuppt sich Mit Rechten reden dennoch eher als Monolog, teils fast schon umschmeichelnd, in Richtung Rechte, denn als Hilfestellung für Nicht-Rechte. Außerdem sind die Themen, mit denen über Rechte geredet werden solle, so rechtslastig, dass ein vernunftgeleiteter Mensch wohl kaum auf die Idee käme, diese Themen diskutieren zu wollen – oder wie häufig denkt wohl eine normale Familie über den aktiven Widerstand gegen den Staat nach? Das Buch regt einen Dialog an, dient jedoch nicht als Handreiche zum Gespräch zwischen Bürgern und Bürgern.

Buchinfo

Leo | Steinbeis | Zorn – Mit Rechten reden. Ein Leitfaden
Klett Cotta
183 Seiten | Großformatiges Paperback
ISBN-13: 978-3-608-96181-2

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