Das Herz ist stärker als kulturelle Fesseln

Rezensionsexemplar: Romain Gary – Du hast das Leben vor dir

Romain Gary Leben vor dir Rezension buecherherbst bucherblog rotpunktverlagWenn man den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beobachtet, die (milde ausgedrückt) gegenseitige Skepsis zwischen Juden und Muslimen – man könnte vermuten, dass ein „normales“ Zusammenleben nur schwer möglich ist. Vorurteile scheinen teilweise tief verwurzelt. Wirft man einen Blick auf die historische Entwicklung der Beziehungen, ist diese mit zahlreichen Konflikten gepflastert. So tobte Ende der 1960er Jahre der Sechstagekrieg zwischen Israel sowie den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien; immer wieder nahmen palästinensische Terroristen Juden zu Geiseln; 1973 flammte der israelisch-arabische Krieg wieder auf. In dieser Zeit, 1975, schrieb der französische Autor Romain Gary Du hast das Leben vor dir und betrachtete damit das Zusammenleben von Juden und Arabern aus der Innenperspektive. Denn auf kleiner Bühne, im Alltäglichen des Paris‘ der 1970er Jahre, können beide Parteien ohne Konflikte nebeneinander und miteinander leben. Das Buch ist nun in deutscher Neuübersetzung in der Edition Blau im Rotpunktverlag erschienen.

Es ist die ungewöhnliche Geschichte einer abstrusen Lebensgemeinschaft: Der Araberjunge Mohamed, kurz Momo genannt, wächst Mitte der 70er Jahre bei der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa in dem Pariser Viertel Belleville auf. Die ältere Frau ist Jüdin. Und Auschwitz-Überlebende, womit sie jedoch ihr Leben lang nicht zurecht kommt. Momo ist ein ungefähr zehnjähriges Kind einer Prostituierten und wohnt mit anderen „Hurenkindern“ zusammen bei Madame Rosa, die von den Eltern Geld erhält für die Betreuung. Momo lebt in den Tag hinein und macht viel Blödsinn. Eine Schulbildung erhält er nicht, sondern lernt von den älteren Menschen um ihn herum. Das Stadtviertel ist ein Getto mit widrigsten Lebensbedingungen: „Wenn Sie die Ecke hier kennen, dann wissen Sie, die ist immer voll mit Eingeborenen, die alle aus Afrika zu uns kommen, wie das Wort ja schon sagt. Sie wohnen in Unterkünften, die man auch Drecksloch nennt, ohne das Nötigste, also ohne Hygiene oder Zentralheizung von der Stadt Paris, das alles kommt nicht bis dorthin. Es gibt schwarze Wohngemeinschaften mit hundertzwanzig Leuten, acht in einem Zimmer, und nur ein einziges Klo unten, also erleichtern sie sich überall, denn solche Sachen können ja schlecht warten.“

„Ich wusste noch nicht genau, ob ich nun bei der Polizei oder bei den Terroristen landen würde, aber das sehe ich dann, wenn es so weit ist. Auf jeden Fall eine organisierte Bande, weil allein, das geht nicht, das ist zu klein.“

Die äußeren Umstände einen Madame Rosa und Momo. „Manchmal schauten wir uns einfach nur mit Angst in den Augen an, denn was andres hatten wir ja nicht auf der Welt“, blickt Momo auf ihre Beziehung. Es ist eine Herzlichkeit über alle kulturellen und religiösen Grenzen hinweg. Madame Rosa erzieht ihn gar im muslimischen Glauben. Die Gebrandmarkten und Ausgestoßenen am Rand der Gesellschaft halten zusammen – eine Anspielung an Die Elenden von Victor Hugo. Auch Du hast das Leben vor dir ist ein politisch-ethischer Roman, obwohl im Vergleich zu Hugo der Part des Liebesromans im eigentlichen Sinn wegfällt. Es ist vielmehr eine Liebe wie zwischen Mutter und Sohn, und trotzdem zwischen Romantik und Realismus. Es ist teils ergreifend, mit welch Nüchternheit und Stärke der junge Momo das Unerträgliche sein Leben nennt.

Doch irgendwann kehren sich die Vorzeichen um. Madame Rosa wird immer pflegebedürftiger, und Momo muss von jetzt auf gleich erwachsen werden und sich um die alte Frau kümmern – sein Leben ist eigentlich schon versaut, bevor er überhaupt aufhören durfte, Kind zu sein. Bei all der Härte, die Momo nach außen hin versucht zu demonstrieren, hat er gehörige Angst vor der ungewissen Zukunft: „Ich hatte Schiss heimzugehen. Madame Rosa sah schlimm aus und ich wusste, sie würde mir bald von einem Augenblick auf den nächsten abhandenkommen. Ich konnte nichts andres denken und traute mich manchmal nicht mehr nach Hause.“

Autor Gary flechtet mit dem Niedergang der alten Dame eine weitere gesellschaftliche Frage ein: Sollte Sterbehilfe erlaubt sein? Das Thema ist auch heute noch von erheblicher Brisanz und nur in den wenigsten Ländern legal. Doch muss ein Mensch wirklich so leiden, wie es Madame Rosa tut, die aufgrund ihrer Übergewichtigkeit ohnehin erhebliche Einbußen in ihrer alltäglichen Lebensqualität hat und jetzt auch noch körperlich sowie geistig zu Mus wird? Sie darbt vor sich hin, ist immer seltener ansprechbar. Doch die Ärzte wollen sie lieber im Krankenhaus an lebensverlängernde Apparate stecken als ihr Elend frühzeitig zu beenden. Momo jedenfalls würde sich für sie ein baldiges, schnelles Ende der Qualen wünschen: „Ich meine, klar, wenn man einmal da ist, ist man da, […] aber es ist wirklich zum Kotzen, dass sich die Alten wie Madame Rosa nicht wegmachen lassen können, wenn sie die Nase voll haben.“

„Dank ihm hatte Madame Rosa Dokumente, die bewiesen, dass sie jemand andres ist, wie alle die andern auch. Sie meinte, so haben sogar nicht mal die Israelis was gegen sie in der Hand. Aber klar, sie war deswegen nie komplett unbesorgt, denn dafür muss man tot sein. Im Leben ist immer Panik.“

Mit klarer, derber Sprache, teils schonungslos schildert Autor Romain Gary das Geschehen aus der Sicht eines Jugendlichen ohne Perspektive. Zugleich spielt er mit typischen Vorurteilen, die man mit dem Aufwachsen in einem Getto verbindet, denn die Zukunft hat Momo nichts zu geben, sondern besteht aus Hoffnungslosigkeit – also kann er dem Leben ja auch später mal gehörig in den Hintern treten: „Ich kriech dem Leben nicht in den Arsch, nur um glücklich zu sein. Ich brate dem Leben keine Extrawurst, sondern es kann mich mal kreuzweise. Wir haben uns einfach nichts zu geben. Wenn ich volljährig bin, werde ich vielleicht Terrorist, mit Flugzeugentführung und Geiselnahme wie im Fernsehn, irgendwas erpressen, ich muss mir nur noch überlegen was, aber es wird sicher nicht nur ein Sonntagsfrühstück sein.“ Auch jetzt, vierzig Jahre später, kann man sich noch vorstellen, wie Kinder und Jugendliche, die in einem solch hoffnungslosen Umfeld in Paris oder anderswo auf der Welt aufwachsen, auf die schiefe Bahn geraten und sich wirklich einer extremistischen Organisation anschließen. Es geht auch anders. Das Zusammenleben der Kulturen kann gelingen und kann mehr werden als eine reine Zweckgemeinschaft, wie Romain Gary in seinem abgedrehten, verrückten und doch liebenswerten und zugleich immer noch aktuell wirkenden Roman Du hast das Leben vor dir beweist.

„Das Glück linkt dich am Ende immer, man müsste ihm mal beibringen, wie das Leben richtig geht. Wir beide ticken einfach nicht gleich, es kann mich mal kreuzweise.“


Info am Rande:

Im Erscheinungsjahr löste das Buch einen großen Skandal in der Literaturwelt aus, denn Autor Romain Gary schrieb es ursprünglich unter dem Pseudonym Emile Ajar und wurde mit dem französischen Buchpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Gary hatte jedoch bereits Jahre zuvor für Die Wurzeln des Himmels die Auszeichnung erhalten. Und die Vorgaben des Buchpreises sehen vor, dass kein Autor zweimal geehrt werden darf. Hieraus strickte sich eine wahre Revolvergeschichte, denn Gary war zunächst nicht bereit, zuzugeben, dass er hinter dem Pseudonym steckte. Eine ausführlichere Darstellung findet sich beim Spiegel unter dem Titel Spiel mit gebrochenen Herzen.

Romain Gary Du hast das Leben vor dir Rezension Edition Blau Rotpunktverlag buecherherbst buecherblog– Rezensionsexemplar –

Romain Gary – Du hast das  Leben vor dir
248 Seiten
ISBN 978-3-85869-761-5, 1. Auflage
Rotpunktverlag
Erschienen am 20.07.2017

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