Alle Wege führen ins Tram

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(c) gino73/pixelio.de

Wonach strebt ein Mensch, wenn die Umgebung das Leben unermüdlich erschwert? In einer Großstadt namens Stadtland, ein fiktiver Ort irgendwo in Afrika, lernt man das Leben von seiner ungemütlichen Seite kennen. Das Einzige, das hier zählt, ist die kurzfristige Befriedigung des Glücks. Es herrschen Kriminalität, Drogen und der Rausch nach Diamanten und dem schnellen Geld: „Im Anfang war der Stein, und der Stein schuf den Besitz und der Besitz den Rausch, und im Rausch kamen Menschen jedweder Gestalt, die schlugen Bahntrassen in den Fels, fertigten ein Leben aus Palmwein und erdachten zwischen Markt und Minen ein System.“ Stadtland hat sich militärisch vom Hinterland losgesagt. Es wird von einem abtrünnigen General regiert, der auch die Macht über die Diamantenminen hat.

Fiston Mwanza Mujila beschreibt in seinem Roman Tram 83 das Leben in einer „failed City“, in der Moral keine Rolle mehr spielt. Eine Stadt, in der der Strom rationiert ist, und die auf „den Grundsätzen Überlebenskampf, Edelsteine und Kalaschnikows beruhte“ – eine Stadt, welche die Globalisierung vielleicht schon weit hinter sich gelassen hat; oder noch weit davon entfernt ist. Der Mittelpunkt der Stadt ist das Tram 83, eine Mischung aus Bar und Bordell. Wenn die Nacht anbricht, kommen hier alle gesellschaftlichen Schichten zusammen, um die Härte des Alltags zu vergessen: Minenarbeiter, Studenten, Prostituierte und auch die ausländischen Geschäftsleute. Hier verdichtet sich die Atmosphäre: es ist laut, schwitzig, düster, exzessiv, ungezähmt und gesetzlos. Hier geht es einzig um Geld, Drogen und Sex.

In Teilen ist es nichts anderes als eine Art Studio 54 Afrikas.

Es war der einzige Ort auf dem Erdball, an dem man sich ganz ungeniert aufhängen, sich erleichtern, fluchen, klauen oder sein Herz verlieren konnte. Ein Hauch von Komplizenschaft lag ständig in der Luft. Ein Schakal frisst keinen Schakal. Er schnappt sich Truthähne und Rebhühner.

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(c) Ulla Trampert/pixelio.de

Doch des Autors Hauptcharakter Lucien ist auf der Suche nach einer Zukunft. Er ist Schriftsteller und kommt für eine Lesung ins Tram 83. Allerdings geschah kurz zuvor ein dramatisches Grubenunglück, das die Menschen in Stadtland besorgt und wütend macht – es verläuft also alles andere als aussichtsreich. Auch Luciens bester Freund Requiem kann ihm nicht weiterhelfen, dieser hat sich den Bedingungen angepasst und verdient als Drogendealer oder Kleinkrimineller sein Geld. Das Verhältnis zwischen den Beiden ist angespannt, ihre Lebenswelten haben sich im Laufe der Jahre und im Laufe von Luciens Abwesenheit voneinander entfernt. Während Requiem ein Leben im ständigen Ausnahmezustand geführt hat, wie es anders in Stadtland kaum möglich ist („im Krieg sind alle Mittel recht.“), versuchte Lucien, woanders sein Glück zu finden – wie es viele junge Afrikaner auch derzeit wieder versuchen, um aus der Hölle auszubrechen. Denn in dem Moloch voll gesellschaftlichem Nebel aus Verdorbenheit, Ausschweifung, Intrigen, Mythen, Lügen und Verbrechen lässt es sich kaum aushalten, und doch nennen es manche „Heimat“.

In diesem Teil von Äquatorialafrika ist die Jugend reine Verschwendung.

Mit Tram 83 hat Fiston Mwanza Mujila einen Roman vorgelegt, der mit einem atmosphärisch dichten, stets dem Gefühl des Getriebenen nahen Erzählgeschwindigkeit daherkommt. Man muss sich womöglich erst an diesen Sprachstil voller Einschübe, Aufzählungen, Unterbrechungen („Was sagt die Uhr?“) und bewusster Wiederholungen („Was sagt die Uhr?“) gewöhnen. Wie wirre Stimmen in einer lauten Disko mutet es an. Doch nach der Eingewöhnung folgt der Rausch. Wild, rasant, wirr, unzähmbar, gewagt – einfach herausragend ungewöhnlich und ungewöhnlich herausragend, aber stets einer mitreißenden Melodie folgend: „Requiem schwafelte, dass jedes menschliche Wesen zwei Kabel im Kopf habe: ein blaues und ein gelbes. Wenn man das blaue Kabel durchtrennt, wird der Mensch verrückt. Und der Negus philosophierte weiter: Drei Viertel der Menschheit haben das blaue Kabel schon eingebüßt. Er ließ seinen Blick durch das Tram wandern, referierte die Namen der Touristen, der Kellnerinnen, der Aushilfskellnerinnen, der Grubenarbeiter, der Schrecklichen und der Küken, die das besagte Kabel nicht mehr hatten. Die Namen von Lucien, Emilienne, der Aushilfskellnerin mit den dicken Lippen und des Besitzers des Tram fehlten nie auf seiner Liste. Wiegende Rhythmen, Klavier, Klarinette, Saxofon, Schlagzeug und E-Gitarre, eine Kapelle direkt aus Pointe-à-Pitre.“

Fiston Mwanza Mujila Tram 83 Rezension Buecherherbst Buecherblog Buechertipp Hanser Zsolnay VerlagFiston Mwanza Mujila – Tram 83
Paul Zsolnay Verlag

208 Seiten, gebunden

ISBN-10: 3-552-05797-8

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