Glaube an den amerikanischen Traum

Fante 1933 Rezension Buecherherbst Buecherblog

(c) Oliver Pfleiderer/pixelio.de

Das Amerika der 1930er Jahre war geprägt von der Weltwirtschaftskrise nach dem großen Börsencrash 1929 und von massenhafter Arbeitslosigkeit. Das Geld der meisten Bürger reichte nicht einmal bis zur Monatsmitte, weder für ausreichend Essen, noch für warme Kleidung im Winter. US-Präsident Franklin D. Roosevelt versuchte mit dem New Deal, einer Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, Amerika wieder auf die Beine zu helfen. In dieser harten Zeit spielt 1933 war ein schlimmes Jahr von John Fante – eine fantastische Wiederentdeckung, die erst posthum veröffentlicht wurde.

Fante 1933 Aufbau Verlag Blumenbar Rezension Buecherherbst BuecherblogDer Roman handelt von dem 17-Jährigen Dominic Molise, dessen Familie aus Italien in die USA immigriert ist. Er wohnt gemeinsam mit seinen drei Geschwistern, seinen Eltern und seiner Großmutter in Roper, einer Kleinstadt in Colorado am Fuß der Rocky Mountains, in der vom Aufschwung allerdings noch nicht viel zu spüren ist. Dominics Großmutter Bettina ist nachhaltig verbittert angesichts des Desasters der Gesellschaft; seine Mutter hat sich widerspruchslos in ihre Rolle gefügt, ist sehr gläubig („Sie opferte sich für Gott, meinen Vater und ihre Kinder, und sie ging durchs Leben mit einer Dornenkrone auf dem Haupt und den Wundmalen Christi an den Händen und Füßen. Ihre Leiden waren unerträglich, man hätte sich gewünscht, sie würde nur einmal »Ach, Scheiße« sagen oder »Fick dich, Jasper« oder »Halt doch einfach mal die Fresse«.“); sein Vater ist ein arbeitsloser Maurer, der die Familie kaum ernähren kann und sich mit Billardspielen in versifften Kneipen über Wasser hält. Das Geld reicht kaum für einen wärmenden Mantel in diesem bitterkalten Winter 1933.

Grandma Bettina sagte immer, Schneeflocken seien die Seelen von Verstorbenen, die für einen kurzen Besuch aus dem Himmel zur Erde zurückkehrten.

Dominic ist für sein Alter eher schmächtig und sein Körper ein Trümmerhaufen („Ich war vierundsechzig Inches groß und in den letzten drei Jahren kein Stück gewachsen. Ich hatte Säbelbeine und drehte die Füße beim Gehen nach innen. Meine Ohren standen ab wie die von Pinocchio, meine Zähne waren schief, und mein Gesicht war gesprenkelt wie ein Vogelei.“). Allein ein Körperteil ist anscheinend überdurchschnittlich ausgebildet: „der Arm“, genauer gesagt: sein linker Arm. Dieser gibt ihm die Fähigkeit, außergewöhnlich gut Baseball spielen zu können. Einzig dieses Können lässt Dominic nicht aufgeben und gibt ihm die Hoffnung, aus der Armut ausbrechen zu können. Er träumt davon, einer der besten Pitcher in der Geschichte des Baseballsports zu werden: „Denn wenn die warme Sommersonne wiederkehrte, würde er Gottes Werk vollbringen mit seinem durchtriebenen linken Arm. Die schneeverwehte Arapahoe Street war ein geschichtsträchtiger Ort. Eines Tages würde sie in der Hall of Fame vermerkt sein […]. Eine Gedenktafel, bitte sehr, eine Bronzetafel in Beton auf einem Denkmal an der Ecke Ninth und Arapohoe Street: Hier verbrachte Dominic Molise, der Welt größter Linkshänder, seine Kindheit.“

Wir waren alle Träumer, ein Haus voller Träumer.

Er glaubt an den großen amerikanischen Traum: Ein Kind einer Einwandererfamilien, aus ärmlichen Verhältnissen, schafft den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg. Sein Können mit dem Baseball verschafft Dominic Anerkennung. Der Glaube an die große Karriere gibt ihm Halt und Hoffnung, auch wenn er manchmal am Leben zweifelt, an Gott und auch am Glauben selbst. Sein Vater hält allerdings recht wenig von den Karriereplänen. Er möchte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt und ebenfalls Maurer wird. Dominic übt stattdessen zu jeder Jahreszeit fast täglich gemeinsam mit seinem Freund Ken im Keller des Elk Clubs am perfekten Wurf, der sie rausholt aus dem Kaff und hineinbefördert in eine ruhmvolle Welt. Eines Tages fassen sie den Beschluss, zu den Try Outs der Chicago Cubs zu fahren. Doch kurz bevor ihre Reise beginnt, gibt es eine unerwartete Wendung – und Dominics Traum steht auf der Kippe.

„Das ist also die amerikanische Art“, sagte sie auf Italienisch. „Erst einem Mann die Seele töten und ihm dann auch noch die Hände abhacken.

In jeder Zeile von 1933 war ein schlimmes Jahr kann man diese Hoffnung eines Mittellosen spüren, sie in dem sehnsüchtigen, zuversichtlichen Sound der Erzählung lesen. Fantes Geschichte ist leidenschaftlich und großherzig. Doch zugleich erbarmungslos und deprimierend, denn man kann sich durchaus vorstellen, dass Menschen in Amerika – aber ebenso andernorts auf der Welt – heutzutage auch eben dieses Schicksal durchmachen und am Abgrund der Existenz stehen. Der Roman ist zwar schon Jahrzehnte alt, doch immer noch von immenser Aktualität.

John Fante – 1933 war ein schlimmes Jahr
144 Seiten
Blumenbar Verlag

 

 

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2 Kommentare zu “Glaube an den amerikanischen Traum

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