Vielleicht nur ein Missverständnis

Rezension Bodo Kirchhoff Widerfahrnis - Buecherherbst Buecherblog dbp16 fbm16

(c) Thommy Weiss/pixelio.de

Preisgekrönt. Dieses Attribut weckt Erwartungen. Immerhin sagt es aus, dass eine zumeist fachkundige Jury es für besonders ausgezeichnet und deshalb auszeichnungswert hält. Nicht anders ist es auch beim Deutschen Buchpreis. Die Jury stellt aus zahlreichen eingereichten Werken eine Longlist auf, extrahiert eine sechsbüchige Shortlist und kürt hieraus einen Preisträger. Es spricht also eine Menge dafür, sich diesem Buch hinreichend hinzugeben. Doch manchmal endet es auch in einem Missverständnis: Der Autor erreicht den Leser nicht, der Leser versteht den Autor nicht.

In diesem Jahr wurde die Ehre des Buchpreises Bodo Kirchhoff mit seiner Novelle Widerfahrnis zuteil. Grund genug, sich dem Werk zu nähern – immerhin wurde es schon vorab im Feuilleton gefeiert: „mitreißend“, „virtuos“, „Wahnsinnsbuch“. Bis zum Schluss bleibt es jedoch ein Rätsel, wieso die Geschichte nicht richtig zu verfangen weiß. Kirchhoff gibt neben seiner Autorentätigkeit selbst Schreibkurse. Er sollte also wissen, wie man den Leser in eine Erzählung hineinzieht. Bodo Kirchhoff Widerfahrnis FVA Buecherherbst Buecherblog Rezension dbp16Manchmal scheint er allerdings das Schreiben und die Lehre darüber zu vermengen. Heraus kommt ein Brei aus Eitelkeit, einem gekonnten Spiel mit Sprache und Erzählkunst, aber auch Arroganz; beispielsweise wenn er den Erzähler erklären lässt: „Wussten Sie, dass der immer verbreitetere Wunsch, den eigenen Namen nicht bloß am Türschild, sondern auch auf einem Buchumschlag zu sehen, der Tod des guten Buches ist?“

Widerfahrnis erzählt die Geschichte von Reither, Alt-68er, Rentner, hat erst kürzlich seinen eigenen Verlag aufgegeben; und Leonie Palm, frühere Hutladenbesitzerin und Lesekreisleiterin, die unerwartet vor seiner Tür steht und Einlass in sein Leben verlangt. Reither gewährt ihn ihr, zunächst zögerlich und widerwillig, später eher willenlos. Sie sind anfangs vornehm zurückhaltend in ihrer Annäherung und trotzdem wild und entschlossen, gar ein wenig verrückt: Mitten in der Nacht unternehmen sie einen Ausflug mit unbekanntem Ausgang. Vielleicht war es eine starke Zuneigung, die sie beide verspürten und die all das nun folgende möglich machte: „Reither löschte die Zigarette in der Spüle, während Leonie Palm ihre Tasse wusch, und einen Herzschlag lang sah er sie an, das hieß, sie sahen sich an – den hatte er vor sich, den Satz: Sie sahen sich an –, eine Augenblicksache, wie sie der Film oft in die Länge zieht […].“

Sie fahren also einfach los. Während der Fahrt wird es inniger. Sie landen in Italien. Hier vertieft sich die Liebesgeschichte („ich werde geliebt haben.“). Und zugleich könnte die inhaltliche Wiedergabe bereits enden. Es hätte eine Liebesgeschichte im Schnelldurchlauf werden können, thematisch flach, erzählerisch schnulzig. Doch Kirchhoff baut die Geschichte des Spontanen und der Begegnung aus, eine weitere verändert alles: Reither und Leonie treffen ein Mädchen, eine Hilfesuchende und Wehrlose. Nicht überraschend, stellt man sich sofort ein Flüchtlingskind vor. Hierdurch wird das eigentliche Motiv von Widerfahrnis deutlich: die Flucht. Vor dem Alltag einerseits; vor Krieg und Armut andererseits. Ganz nebenbei und durchaus unerwartet flechtet Bodo Kirchhoff dieses immerwährend aktuelle Thema ein. Die beiden Reisenden nehmen das unbekannte Mädchen mit – einfach so, kaum Zweifel kommen auf oder werden schnell von der Hand gewischt.

Doch genau dieses Sprunghafte erschwert es, eine tiefergreifende Atmosphäre entstehen zu lassen, es ist vielmehr eine Hast von einem Moment zum nächsten. Kann man diese wichtige, komplizierte Thematik der Flüchtlingssituation wirklich so verkürzt erzählen? Hier muss man dem Autor (oder eventuell dem Verlag) Recht geben bei der Wahl des Titels: Diese Novelle ist ein Widerfahrnis, nicht unbedingt ein Lesevergnügen. Der Erzählstil kippt immer wieder ab, die Thematik wird erst spät interessant, das Erzähltempo ist teils ermüdend. Hinzu kommt die eingeflochtene Buchkritik (am eigenen Werk?), die anmaßend daherkommt, als wolle der Autor sagen: Ich weiß genau, welche Verbesserungen möglich wären oder zumindest verlangt würden, aber ich will es so vorlegen, wie es hier ist, denn nur so ist es wirklich gut: „Sie zog an der Zigarette, in den Augen einen Schimmer von der Glut. Und wie das aussähe in einem Buch, der Dialog untereinandergeschrieben, von einem, der nur zu bequem ist, die Umstände zu erzählen? Zwei mitten in der Nacht an einem See, an dem selbst Leute zu bedauern sind, die hier im Sommer Urlaub machen, ein Mann und eine Frau, der grüblerische Mann im Pullover, die nicht ganz so grüblerische Frau in einer Lederjacke mit fehlendem Reißverschlussanhänger, Punkt.“

Vielleicht ist es letztlich ein verquerer persönlicher Geschmack, der die Abneigung zu Bodo Kirchhoffs Widerfahrnis rechtfertigt, rezensionsirrelevant, vielleicht ist es einfach die große Kunst, die man nicht zu erkennen vermag: Der Zugang zu Büchern, die klaren syntaktischen Regeln folgen – und nicht ein Meer aus heran schwappenden Wörtern, die den im Sand des Buchverständnisses sitzenden Leser einfach nur wie eine Welle überschwemmen – erleichtert und vergrößert das Lesevergnügen. Am Ende bleibt also die Frage: Liest man einen Buchpreisgewinner schlichtweg mit anderen Erwartungen? Die Antwort ist wahrlich viel einfacher: Ein preisgekröntes Buch ist nunmal nicht für jeden Leser gleichbedeutend mit einem ausgezeichneten Buch.

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