Der Fremde im eigenen Körper

melle-welt-im-ruecken-rezension-buecherherbst-buecherblog-fbm16-dbp16Wann ist ein Film oscarreif? Wann hat ein Kunstwerk das Praemium Imperiale verdient? Wann ist ein Buch buchpreiswürdig? Nicht zuletzt bei der Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan wurde vortrefflich darüber gestritten, ob eine literarische Auszeichnung einem Musiker verliehen werden darf. Und auch nach der Bekanntgabe der Shortlist zum Deutschen Buchpreis gab es durchaus zahlreiche kritische Stimmen, dass einige der Werke nicht den Ansprüchen einer solchen Prämierung gerecht würden. So hat kürzlich Maxim Biller im Literarischen Quartett unter anderem auch Thomas Melles Werk Die Welt im Rücken als literarisch vollkommen wertlos dargestellt. In dem Buch finden sich sicherlich durchaus von der Literaturkritik zu beanstandende Elemente, beispielsweise, dass der Handlungsstrang nicht zwingend stringent ist, es womöglich nicht ganz so leicht ist, Zugang zum Erzähler zu erhalten, oder auch die fließende Grenze zwischen Roman und Sachbuch. Nichtsdestotrotz hat Die Welt im Rücken einen kaum zu ermessenden Wert: Der Autor setzt sich mit dem eigenen, für viele Menschen kaum begreiflichen und kaum bekannten Krankheitsbild der Bipolarität auseinander und holt die Krankheit sowie die Betroffenen aus einer dunklen Ecke, um die viele Menschen einen weiten Bogen machen. Er schneidet sich bei lebendigem Leib seine kranke Seele heraus und stellt sie in einem Schaufenster öffentlich aus. Für diesen mutigen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit hat Thomas Melle den Deutschen Buchpreis verdient.

„Die eigene Katastrophe auszustellen, hat etwas Aufdringliches; es aber nicht auszusprechen, ist noch verquerer, wenn man ohnehin schon einmal bei den Konsequenzen angelangt ist.“

Es ist ein radikaler, schonungsloser Einblick, den Melle dem Leser in sein Leben mit der Bipolarität gewährt. Der Roman – soweit man das Buch wirklich in eine Textgattung einordnen kann; aufgrund der Nichtfiktionalität könnte man es auch als Dokumentation einer Krankheitsgeschichte ansehen – ist verstörend und faszinierend zugleich, er ist wirr, aber trotzdem auf eine besondere Art fesselnd. Vielleicht ist es auch nur die Gier des Gaffers nach der unabwendbaren Katastrophe, das muss jeder Leser für sich selbst klären.

Es ist und bleibt für viele Menschen eine fremde Welt. Doch wenn Melle von seinen manischen Ausbrüchen erzählt, löst er ein Nachdenken über das eigene Handeln oder das anderer Menschen aus. Wie nah ist man selbst eigentlich an der Grenze zu einer bipolaren Störung? Die meisten Menschen würden sich selbst weit weg von der Krankheit eingruppieren. Doch muss auch Melle feststellen, dass es ein schmaler Grad zwischen gesund und krank sein ist, und die Definition oftmals durch Dritte erfolgt. Es sind seine Freunde und Bekannte, die ihn mehrfach in die Psychiatrie einweisen, nur in seltenen Fällen hält er das Heft des Handelns in den eigenen Händen.

Die Krankheit offenbart sich in immer wieder wechselnder Form. So beginnt der erste Fall in die Manie beispielsweise mit dem Entsorgen all seiner Bücher, die für ihn zum Ballast geworden sind, während es früher noch eine Leidenschaft des Sammelns war. Jedoch löst der Verlust der eigenen Bibliothek sogleich eine tiefe Depression aus. Es ist nicht mehr der eigene freie Wille, der das Tun bestimmt, vielmehr sind es krankheitsbedingte Entscheidungen. Dabei ist es zugleich das fatale Zusammenspiel von Krankheit sowie Alkohol- oder Drogenmissbrauch, das die Bipolarität zumindest begünstigt. Macht das Leben so verrückt, dass man die Drogen braucht, um die Welt in einen erträglichen Schleier zu hüllen – oder ist es doch umgekehrt?

„Getarnte Euphemismen, die ihrem Gegenstand durch Umtaufung den Stachel ziehen sollen. Letztendlich passt der alte Begriff ‚manisch-depressiv‘ aber, jedenfalls in meinem Fall, viel besser. Erst bin ich manisch, dann depressiv: ganz einfach.“

Zu Beginn seiner Krankheit kehrt Melle immer mal wieder zu der Einsicht zurück, er selbst verhalte sich „falsch“, nicht seine Freunde oder der Rest der Welt. Er hat also noch einen Fuß in der Tür zwischen „normalem Leben“ und Wahn. Kurz hat man das Gefühl, es sei noch nicht zu spät, wieder umzudrehen. Allerdings führt die Krankheit zu immer stärkerem Kontrollverlust, so dass eine Behandlung letztlich unumgänglich ist. Für Melle ist das Schreiben dabei ein Stück weit die Rückeroberung der Kontrolle über sein Leben. Er beschreibt scharfsinnig und ohne Skrupel vor der eigenen Bloßstellung seinen Leidensweg: „Das Drama, das eine erste Psychose auslöst, ist erheblich. Für einen selbst ist es ein unbegreiflicher, allumfassender Kick, der einen in himmelschreiende Sphären schleudert; für Freunde und Familie ist es die blanke Tragödie. Aus dem Nichts wird da einer, den man anders kennt, verrückt, buchstäblich verrückt, und zwar genauer, realer, peinlicher, als es in den Filmen, den Büchern gezeigt wird, wird wahnsinnig wie ein wildäugiger Penner, der den Straßenverkehr beschimpft, wird dumm, töricht, unheimlich.“ Doch nicht nur für Außenstehende wird die Person zum Unbekannten: Während der Phasen zwischen den manisch-depressiven Schüben erkennt er sich selbst kaum wieder und hat Angst vor dem Fremden im eigenen Körper: „Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein.“

„Anstrengung, Verschwendung, Erschöpfung, Lähmung – und dann die Explosion. Bei vielen Erkrankten schleichen sich die Manien hinterrücks und langsam heran, steigern sich graduell von hypomanen, überreizten und hyperaktiven Phasen in die klassische Raserei. Nicht so bei mir.“

Thomas Melles Offenheit mit der Krankheit ist bewundernswert, seine Darstellung ist beängstigend und verstörend wie das Flirren eines defekten Lichts im mit 300 km/h durch einen endlosen, dunklen Tunnel rasenden ICE. Innerlich hatte Melle schon Abschied genommen von seinem Leben, wie er offen eingesteht. Wenn der Teufel einmal die eigene Seele im Klammergriff hat, fühlt man sich wahrscheinlich wie im Brennofen der Hölle. Es ist dieses Grauen, das Melle mehrfach durchmachte. Nichts erscheint ihm mehr lebenswert. Man möchte ihm am liebsten zurufen: Halte durch, es geht vorbei. Thomas Melle hat mit Die Welt im Rücken eine nichtfiktionale Tragödie geschrieben, die fesselnd ist. Und mit dem Einblick in sein Innenleben hat er darüber hinaus einen wichtigen Beitrag geleistet, um das Krankheitsbild Bipolarität zu verstehen und den betroffenen Menschen ein bisschen mehr Verständnis entgegen bringen zu können. Deshalb hätte das Werk die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis verdient – und es wäre alles andere als ein Mitleidspreis.

Advertisements

3 Kommentare zu “Der Fremde im eigenen Körper

  1. Pingback: Deutscher Buchpreis 2016 - Die Shortlist: Ein Überblick

  2. Pingback: Buchtipps zum Weihnachtsfest | Bücherherbst

  3. Pingback: Meine Buchhöhepunkte 2016 | Bücherherbst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s