Blutige Folgen der Ausgrenzung

Shakespeare Broken Hill Rezension HoCa BuecherherbstDie Ausgrenzung von Menschen kann unterschiedlichste Ursachen haben. Innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur mit verschiedenen „Schichten“ trifft es allerdings zumeist die Schwächsten, insbesondere Minderheiten sind zuvorderst davon betroffen, ausgegrenzt zu werden. Führt man sich die aktuelle Flüchtlingsdebatte vor Augen, sieht man zahlreiche Versuche, eine Trennung zwischen den bereits hier lebenden sowie den geflüchteten Menschen zu vollziehen – sei es bei der finanziellen Versorgung, der Unterbringung oder der Integration in den Arbeitsmarkt. Doch ist die Diskriminierung von Minderheiten oder neu zu integrierenden Menschengruppen kein Phänomen der heutigen Gesellschaft, sondern zieht sich durch die gesamte Bevölkerungsgeschichte. In seinem Roman Broken Hill zeigt Nicholas Shakespeare dies anhand der Geschichte der Einwanderer der australischen Bergbaustadt Broken Hill, die rund um den Jahreswechsel 1914/1915 im Camel Camp leben, dem von den Ausländern bewohnten Siedlungsgebiet, das unter den Einwohnern nur abfällig Ghantown genannt wird. Der Hass und die Restriktionen zermürben die Ghantown-Bewohner, so dass einige von ihnen irgendwann nur noch einen radikalen Ausweg sehen.

Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, sind die Bewohner von Broken Hill am Bahnhof zusammengekommen, um zu Jahresbeginn zum Neujahrspiknik, dem alljährlichen Höhepunkt der Region, aufzubrechen. Shakespeare beginnt dabei in rasanter Erzählweise: Wie in einer filmischen Eröffnung werden die Protagonisten im Sekundentakt eingeführt – man kann sich die Regieanweisung zum Voice-over vorstellen, wie mit schneller Kameraführung nur kurz bei den einzelnen Personen verweilt wird. Gemein ist den meisten die ablehnende Haltung gegenüber den Kriegsgegnern Australiens (unter anderem Deutschland und das Osmanische Reich) – viele ihrer Angehörigen wurden erst kurz zuvor an gleicher Stelle in den Kriegseinsatz verabschiedet -, weshalb sie auch gegenüber den Siedlern aus dem Camel Camp eine Abneigung hegen. Einzig Rosalind Filwell versucht, den Fremden mit Offenheit zu begegnen. Das fällt ihr gar nicht so leicht, immerhin stellt sie sich damit gegen ihre Familie sowie ihren künftigen Verlobten. Selbst Sozialisten wie Ralph Axtell betätigen sich als harsche Gegner der Ansiedlung der Ausländer. Auch er hetzt unerbitterlich sobald sich ihm ein Publikum bietet: „Mit ruhiger, plötzlich einschmeichelnder Stimme versichert Axtell seiner kleinen Zuhörerschaft: »Selbsterhaltung ist das oberste Gesetz der Natur.« Welche Gründe man auch immer gegen den Konflikt in Europa habe […], das ganze Mitgefühl der Nation müsse der Politik des Weißen Australien liegen.“ Solche Aussagen lassen den Leser erschaudern, denn ein Unterschied zu den heutigen rechtspopulistischen Demagogen ist kaum auszumachen. Man könnte sich dieselbe Szenerie auch in vielen Teilen Europas im heutigen 21. Jahrhundert vorstellen.

„Es war in der Tat eine trostlose Welt. Die einzige Abwechslung im monotonen Einerlei der Tage war die Eisenbahn.“

Sind es auch heute nur einzelne Menschen, wie Shakespeares Rosalind, die gegen die Agitatoren ihre Stimme erheben? Was hat man den eigenen Familienmitgliedern entgegen zu setzen, wenn sie gegen Ausländer polemisieren? Rosalind ist der strahlende Leuchtturm an der scharfkantigen Küste der Fremdenhasser, deren Ausgrenzung in einen düsteren Abgrund führt. Ihr widerstrebt das feindliche Reden ihrer Familie und der anderen Bewohner von Broken Hill. Stattdessen zeigt sie Empathie mit den Ausgegrenzten. Sie ist neugierig, besucht deshalb die Bewohner im Camel Camp, um sich selbst ein Bild von den Zuständen, aber vor allem von den Menschen zu machen, über die alle so abschätzig reden. Wie viele Menschen, die sich über die aktuelle Flüchtlingskrise beschweren, waren denn schonmal in einem Flüchtlingslager und haben Kontakt zu den neuen Mitmenschen gesucht? Es ist doch eher zweifelhaft, ob die heutigen „besorgten Bürger“ wirklich schon negative Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht haben, oder ob es nicht einzig ihre Vorstellung davon, was passieren könnte, ist, die die Vorurteile nährt. Rosalind macht zumindest die Erfahrung, dass die Ausländer überaus gastfreundlich sind – wenn man denn die Begegnung nicht meidet, können sich gar Freundschaften entwickeln.

Allerdings schwillt die Ausgrenzung durch die anderen Bewohner von Broken Hill immer weiter an. Sie sind die Kinder einer „selbstsüchtigen Stadt“. So erwächst auch der Hass der Ausgestoßenen aus dem Camel Camp stetig, mit der Folge, dass sich zwei von ihnen radikalisieren und ein blutiges Attentat planen. Dabei waren Gül Mehmet und Molla Abdullah eigentlich zwei friedliebende Menschen, die sich nach den ihnen gebotenen Möglichkeiten in ihre neue Heimat integriert hatten, doch Diskriminierung und Perspektivlosigkeit lassen sie zweifeln und verzweifeln. Man spürt förmlich ihre Hoffnungslosigkeit. Es ist der perfekte Nährboden für ihre Radikalisierung. Und so ergeht es auch heute zahlreichen Menschen, die sich in Deutschland oder anderen westlichen Ländern nach ihrer Flucht ein ruhiges Leben wünschen, sich integrieren und einbringen wollen: Sie erhalten noch nicht einmal eine faire Chance.

„Rosalinds Furcht, im Gespräch mit einem »Kümmeltürken« gesehen zu werden, vermischte sich mit einem unbekannten Gefühl, als breche etwas in ihr auf, und gleichzeitig war sie von Aufregung und dem Gedanken an ungeahnte Möglichkeiten erfüllt. Gül mochte eine dunkle Haut haben, aber sein Herz unterschied sich nicht sehr von ihrem, und in Rosalinds Augen war es ein gutes Herz.“

Nicholas Shakespeares Roman ist trotz der einhundert Jahre zurückliegenden Begebenheit brandaktuell. Es ist eine Parabel über den Umgang mit geflüchteten oder zu integrierenden Menschen, die erschreckende Parallelen zur derzeitigen Flüchtlingssituation aufzeigt und deshalb ein beachtlicher Beitrag zur Debatte ist. Shakespeare schlägt die Brücke zwischen damaliger und heutiger Zeit und beschreibt wirkungsvoll die Normalität der Ausgrenzung. Er zeigt ganz ohne moralisierenden Ton auf, wie durch Ignoranz und Engstirnigkeit lediglich Klischees entstehen. Dabei hält Shakespeare mit Broken Hill auch der heutigen westlichen Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor – und man sieht die Fratze der Intoleranz voll faltiger Vorurteile und abstoßendem Hass.

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2 Kommentare zu “Blutige Folgen der Ausgrenzung

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