Phantastische Popliteratur aus’m Pott

Rezension Buecherherbst Goosen FoersterWer Frank Goosen einmal bei einer Lesung live erlebt hat, hat beim Lesen seiner Bücher noch mehr Spaß, als womöglich ohnehin schon. Es ist seine sonore, angenehm tiefe Stimme, die beim Zuhören ein wohliges Gefühl auslöst. Man fühlt Geborgenheit und Heimat. Und das passt, immerhin ist Goosen als gebürtiger Bochumer ein Kind des Ruhrpotts und baut viele seiner Geschichten auf den manchmal durchaus klischeehaften Verhältnissen seiner Heimat, dieses auf unerklärliche Weise innig geliebten Stückchens Deutschland, und seinen Bewohnern auf. Wie hat ein weiterer, mit Bochum eng verwurzelter Musiker schon vor Jahren in seiner Hymne an die Stadt gesungen: „Du liebst dich ohne Schminke; bist ne ehrliche Haut // Hier wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld!“ Goosen ist das personifizierte Bochum.

Seine Bücher sind vielleicht nicht die literarischen Würfe erster Klasse, die in den Feuilletons abgefeiert werden und in den Bestsellerlisten sofort an die Spitze stürmen. Aber sie sind ein Zeugnis phantastischer Pott- und Popliteratur. Das beweist er auch mit seinem neuesten Roman: Förster, mein Förster. Für manchen Leser könnte der Begriff Popliteratur möglicherweise abschreckende Wirkung haben, ist er bei einigen Kritikern – aber auch bei anderen Autoren – doch ziemlich negativ belastet. Wer allerdings Goosens Bücher liest, wird schnell merken, dass es nicht einzig um das Wettbieten geht, wer die meisten Anspielungen auf Musikstücke oder Filme aneinanderreiht, sondern dass es einfach richtig gute Literatur in trotzdem lässiger Erzählweise sein kann. Goosen kommt ursprünglich aus dem Kabarettbereich, was er in seinen Büchern weder verbergen kann noch will, denn sie leben einfach von seinem originellen Ruhrpotthumor und den stets schrägen, aber liebenswerten Charakteren.

„Förster dachte kurz daran, die leere Flasche auf die Bahngleise zu werfen, einfach, weil man manchmal etwas irgendwo gegen- oder irgendwo runterschmeißen musste, um zu zeigen, dass man es noch in sich hatte, dass man nicht alles hinnahm, noch fähig war zum Protest, zur Anarchie oder wenigstens sich aufzuregen über die eigenen Unfähigkeiten, angefangen bei der, am frühen Sonntagmorgen eine leere Bierflasche von einer Brücke zu werfen. Denn natürlich warf er sie nicht, die Flasche, das war ja albern und pubertär und ziemlich asi, und außerdem war da noch Pfand drauf.“

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt – und eigentlich auch nicht vordergründig. Roland Förster ist Autor. Ein derzeit nicht sonderlich produktiver, weshalb sein letztes erfolgreich verkauftes Buch schon einige Zeit her ist, da er unter einer Schreibblockade leidet, und seine Lesungen deshalb eher mäßig besucht sind. Wer hierin autobiografische Züge finden möchte, sucht vergebens, denn Frank Goosen kann sowohl ausverkaufte Lesungen als auch zwölf Bücher in den letzten fünfzehn Jahren vorweisen. Obwohl Försters fünfzigster Geburtstag kurz bevor steht, kann er sich immer noch nicht entscheiden, welches Leben er will – eigentlich wäre er einerseits gerne der Rockstar, der die Nächte durchzecht, doch andererseits fühlt er sich dafür schon viel zu alt, weshalb sein Leben inzwischen ins Spießige abgedriftet ist. Deshalb muss er irgendwie raus aus dem Trott, am liebsten ins Outback, auch wenn er nicht genau weiß, was er sich darunter vorstellen soll, aber immerhin wäre er dann schonmal weg. Schließlich ist auch seine Frau Monika derzeit beruflich unterwegs auf den Äußeren Hebriden. Die meiste Zeit verbringt er mit seinen Freunden: Fränge, der das Café seiner Eltern zu einem Szenetreff umgebaut hat, eigentlich mit „der Uli“ zusammen ist, aber für das eigene Ego eine Affäre mit einer seiner Angestellte angefangen hat; Brocki, der Lehrer, den Förster ebenso wie Fränge seit der Schulzeit kennt; Nachbar Dreffke, ein pensionierten Polizist, der mit viel zu knappen Badehosen im Hof liegt; Finn, ein wohlstandsverwöhnter 16-Jähriger; sowie die langsam in die Demenz abrutschende Nachbarin Frau Strobel, die in ihrer Jugend in der „Tanzkapelle Schmidt“ aktiv war und nachts hin und wieder Saxophon spielt. Das Zusammenspiel all dieser schrägen Charaktere sowie der skurilen Erlebnisse Försters macht das Buch so unterhaltsam. Am Ende packt Goosen all seine Protagonisten in einen Bulli und lässt sie einen Roadtrip an die Ostsee unternehmen, wo eine Reunion von Frau Strobels Tanzkapelle stattfindet.

Dabei mixt Goosen verschiedene Erzählstile in lockeren Episoden zu einem bunten Cocktail aus Humor und Melancholie. Besonders viel Spaß macht hier das Kapitel „Berlin ist immer schwer“, in dem Förster für eine Lesung in einer Buchhandlung zu Gast in Berlin ist und sich aberwitzige Dialoge entwickeln – eine Reminiszenz an das absurde Theater, man fühlt sich sofort an Warten auf Godot erinnert.

„Es ist doch so, dachte Förster: Das Einzige, was früher wirklich besser war, das sind die eigenen Augen und Gelenke.“

Und auch die stellenweise als E-Mail- oder SMS-Verkehr verfassten Kapitel lockern dank Goosens zielsicherer Pointen das Lesen enorm auf. Dabei persifliert er zugleich immer wieder das Autorenleben: „Sie griff nach Försters Hand und hielt sie fest. Erstaunlich kräftig, dachte er, was ja schon wieder beinahe ein Klischee war, das hatte man schon tausendmal gelesen, dass alte Leute kräftiger waren, als man dachte, dieses Arbeiten mit Gegensätzen war der älteste Erzählhut, den man aus der staubigen Trickkiste ziehen konnte, aber egal […].“ Diese vereinzelten Wechsel auf die Metaebene geben einen netten Einblick in das Seelenleben des Autors, sie sind wie innere Monologe, die er während des Schreibens mit sich geführt hat: „»Am Ende geht es immer um den Text. Und das, was er mit dir macht.« »Und das, was er mit dir macht!«, äffte Brocki Förster nach. «Meine Güte, die Welt ist aus den Fugen, ehrlich«“, liest Goosen, und man fühlt sich sofort mitten in der Geschichte.

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2 Kommentare zu “Phantastische Popliteratur aus’m Pott

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