Gefangen in der Hoffnungslosigkeit

Tom Cooper - Das zerstörte Leben des Wes Trench (Rezension)Katrina. Ein Name, der für eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA steht. Der Hurrikan, der im August 2005 im Südosten des Landes wütete, richtete in mehreren Bundesstaaten Schäden in Milliardenhöhe an. Fast 2.000 Menschen kamen ums Leben. Vor allem Louisiana, und hier der Großraum um New Orleans, wurde besonders heftig getroffen. Doch kaum hatten sich die Einwohner leicht berappelt, erlitten sie das nächste, dieses Mal menschengemachte Desaster: Im April 2010 explodierte die Ölbohrplattform Deepwater Horizon des britischen Konzerns BP im Golf von Mexiko und löste eine verheerende Ölpest mit einem fast 10.000 Quadratkilometer großen Ölteppich aus. Gerade den Einwohnern an der Küste, die hauptsächlich vom Shrimpsfang leben, zog dies wiederholt die Erwerbs- und Lebensgrundlage unter den Füßen weg. In diesem kaum vorstellbaren Horrorszenario spielt Das zerstörte Leben des Wes Trench.

Autor Tom Cooper spinnt ein Netz aus parallelen Geschichten, deren kollektives Schicksal der Verlust ist. Was ihnen bleibt, ist die Erinnerung an die guten Zeiten. Und die Ausflucht in Alkohol und Drogen. In kurzen Episoden zeichnet er den Alltag der dort beheimateten Protagonisten nach, die versuchen, ihr Leben aus dem Hurrikan-Ölpest-Schlamm zu ziehen. Da sind die Brüder Toup, Reginald und Victor, die eine verhunzte Kinderheit hatten, da sie ihre Eltern früh verloren, weil der Vater ihre Mutter mit einem Liebhaber entdeckte und sich alle gegenseitig umbrachten, wie es Quentin Tarantino nicht besser hätte inszenieren können. Sie sind grundverschiedene Charaktere – Reginald, der Zurückhaltende, Gemütliche; Victor, der tätowierte Hitzkopf, stets auf Krawall gebürstet -, doch es eint sie die gemeinsame Hoffnung auf ein besseres Leben durch den groß angelegten Anbau und Verkauf von Cannabis. Dabei sind sie abgestumpft und skrupellos, selbst vor Mord schrecken sie nicht zurück.

„Die ganze verfluchte Gemeinde lebte auf Pump. Nicht mehr lange, dann verhökerten die Leute ihre Körperteile für Bier- und Zigarettengeld. Nieren und Hornhaut bei Trader John’s, gleich mitnehmen, später bezahlen.“

Dann die beiden Kumpanen Cosgrove und Hanson, die nichts außer Frust und Gewalt kennen und sich bezeichnenderweise nach einer Gefängnisstrafe bei gemeinnütziger Arbeit kennenlernen, zu der sie verdonnert wurden. Sie nehmen jegliche Gelegenheitsjobs an oder begehen Diebstähle, um über die Runden zu kommen. In der Freizeit flüchten sie sich in Drogen, um ihr Leben am unteren Ende der Sozialtreppe vergessen zu können. Die Menschen in den Südstaaten hatten nichts mehr zu verlieren, deshalb versuchen sie, jede Chance zu nutzen, die ihnen ein Entkommen aus dem Sumpf verspricht. Die personifizierte Hoffnung ist Brady Grimes. Er ist das Versprechen auf einen Neuanfang, auf eine zweite Chance. Als Schadensminimierer von BP soll er die durch die Ölkatastrophe leidtragenden Bewohner durch unmoralisch niedrige Schadensersatzangebote mundtot machen, um den Konzern vor Klagen zu bewahren. Es ist die kurzfristige Versuchung nach schnellem Geld, der viele Geschädigte erliegen. Dabei geht Grimes äußerst gewissenlos, ganz im Sinne seines Arbeitgebers vor, so erfindet er hier und da Familienangehörige, damit sein geheucheltes Mitleid glaubwürdiger rüberkommt. Seine Verachtung für die „Kontrahenten“, die nicht sofort unterschreiben wollen, drückt er durchaus auch mal dadurch aus, dass er bei den Hausbesuchen im Badezimmer auf die Zahnbürste uriniert. Andererseits erträgt er für den Job jegliche Art der Demütigung, von Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Attacken.

Manchmal ist es einzig der Glaube, der die Menschen überhaupt am Leben hält. So wie Lindquist: Alkoholiker, geschieden, hat durch einen Unfall einen Arm verloren, als Shrimpsfischer kann er kaum genug verdienen, um die Kosten zu decken – ein verkorkstes Leben. Die Realität hält eigentlich keine Perspektive mehr für ihn bereit. Doch er hält sich an der Hoffnung fest, irgendwann verborgene Schätze zu finden, weshalb er regelmäßig mit seinem Metalldetektor über die Inseln vor der Küste streift: „Und wenn er nie was fand? Was soll’s. Tat doch keinem weh.“ Hierbei sowie beim Shrimpsfischen erhält Lindquist zeitweise Unterstützung von Wes Trench. Entgegen der durch den Buchtitel hervorgerufenen Vermutung, Wes sei die Achse, um die sich alles in dem Buch dreht, ist er ebenfalls einzig einer von vielen zerstörten Seelen. Vielmehr steht er sinnbildlich für den Verlust, den die Katastrophen den Menschen zufügten: Seine Mutter ertrank in den Fluten nach Hurrikan Katrina. Sein Vater, ebenfalls Fischer, bestreitet aufgrund der Ölpest einen alltäglichen Überlebenskampf.

„In jener Nacht stieß der Hurrikan auf Jeanette nieder wie ein tollwütiger Flaschengeist. Innerhalb von ein paar Stunden wurden Häuser und Wohnmobile zerschlagen und wie Puppenhäuser davongeschwemmt. Docks rissen vom Land und wurden Straßen entlanggespült, die sich in reißende Ströme verwandelt hatten.“

Doch das Leben hat für Wes nicht mehr zu bieten als die Shrimpsfangtristesse. Allerdings ist der Ertrag miserabel: „Von Bord schleppten sie sich wie Schaufensterpuppen. Monteguts Bezahlung war stets erheblich weniger, als sie sich erhofften. Nahezu beleidigend wenig.“ Und der Staat leistet den Menschen keine Hilfe. Die Sorgen um seine Zukunft schüren in Wes Angst und Wut.

Tom Cooper zeichnet mit Das zerstörte Leben des Wes Trench ein düsteres Bild von vielen individuellen Katastrophen, die zu teils verhängnisvollen Verstrickungen führen. Sein Portrait der Südstaaten ist geprägt von reaktionären Biedermännern und privaten Kleinkriegen. Seine derben Charaktere bedienen sich einer rohen Sprache, hier und da darf dabei natürlich auch an Rückständigkeit nicht zu übertreffender Rassismus nicht fehlen, wie ihn ein degenerierter Donald Trump derzeit in den USA hoffähig macht. Am Ende ist es vielerorts einzig das Glück, das über das weitere Leben der Menschen in den von den Katastrophen heimgesuchten Gebieten entscheidet. Ob man das Dickicht des Verderbens durchschlagen kann oder tiefer im Sumpf einsinkt, haben viele der Geschädigten gar nicht selbst in der Hand. Deshalb geben sie kaum mehr etwas auf ihr Leben und spielen mit ihm russisches Roulette. Schließlich hat ihnen ihr Schicksal zuvor bereits gezeigt, wie schnell die harte Arbeit von Jahren innerhalb von Sekunden zerstört werden kann – es ist nunmal nicht mehr als eine Laune der Natur.

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2 Kommentare zu “Gefangen in der Hoffnungslosigkeit

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