Lebenswille kennt keine Grenzen

Die Forderung nach einer geregelten Flüchtlingsaufnahme, nach Kontingenten und numerischer Obergrenze, ist stets leicht formuliert. Zuvorderst richtet sie sich an die regierenden Politiker. Doch zugleich wird indirekt von den Menschen, die auf der Flucht sind, verlangt, sich dem Verfahren zu fügen. Dabei wissen wohl nur die Wenigsten, welchen Weg und welches Leid die Flüchtlinge bislang ertragen mussten – und deshalb gerade nicht in unterversorgten, unhygienischen Camps verharren möchten, sondern auf der Suche nach einem sicheren, geregelten Leben in der Mitte des europäischen Kontinents sind. Navid Kermani wollte erfahren, wer diese Menschen sind, die vor dem Krieg fliehen und sich auf einen gefährlichen Treck quer durch Europa begeben. Auf seiner Reise in umgekehrter Richtung der Flüchtlingsroute versuchte er, den Menschen ins Gesicht zu schauen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihren unermüdlichen Glauben an ein besseres Leben nachzuvollziehen. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Moises Saman ist mit Einbruch der Wirklichkeit ein bewegendes literarisches Werk voll sprachlicher Wucht und nachdenklich stimmender Bilder herausgekommen. Es lässt den Leser die Qual der Flucht erahnen – nachempfinden kann sie wohl selbst Kermani nicht.

Die Reise beginnt dort, wo der Hoffnung vieler Flüchtlinge nach ihre endet: in Deutschland. Im September 2015. Die geflüchteten Menschen werden mit offenen Armen willkommen geheißen. Die Hilfsbereitschaft ist enorm – zumindest erweckt es den Anschein -, obwohl die Situation „jeden vorgesehen Rahmen“ sprengte. Es gelinge doch erstaunlich gut, mit der Lage umzugehen, konstatiert Kermani. Die Neuankömmlinge sind zwar teils etwas überfordert mit der Überschwänglichkeit und Freundlichkeit, doch sie teilen die Freude. Dann ein Schnitt, Wechsel des Standortes: Kermani befindet sich in einem Hotel auf Lesbos. Und auch hier beobachtet er gut gelaunte Flüchtlinge, die gerade angekommen sind. Doch die Stimmung ist trügerisch. Die durchreisenden Menschen haben zwar die Hölle des Meeres überstanden, allerdings erwartet sie nun ein lange nicht enden wollender Marsch durch die Länder. Denn trotz all der modernen Transportmöglichkeiten, müssen sie vorankommen, wie zu biblischen Zeiten: zu Fuß. So erscheine es logisch, dass sich hauptsächlich junge Männer auf den Weg machen – kaum vorstellbar, dass Kinder oder ältere Menschen diesen Treck ohne Probleme überstehen könnten.

Unterwegs trifft Kermani auf Flüchtlingshelfer, die von schwierigen Bedingungen, unter denen sie ihre Unterstützung anbieten („Der Staat tat nicht nur nichts, sondern machte die Helfer in seinen Medien auch noch verächtlich, behauptete, sie würden von George Soros bezahlt, und bediente so das alte antisemitische Ressentiment, während er gleichzeitig Stimmung gegen Muslime machte.“), von der Entfremdung von den eigenen Mitbürgern und der Ausgrenzung berichten. Er trifft auf Intellektuelle, die von der Spaltung der Gesellschaft erzählen. Unweigerlich zieht man die gedanklichen Parallelen zu deutschen Zuständen, wenn regelmäßig Pöbeleien oder gar Angriffe auf Flüchtlingshelfer bekannt werden. Auch hier verbreitet sich das Gefühl, dass es gar kein grau mehr zwischen den Befürwortern und den Gegnern in der Flüchtlingspolitik gibt.

„Natürlich fordert es Deutschland, innerhalb eines Jahres mehr als eine Million Flüchtlinge auszunehmen, überfordert es Deutschland an vielen Stellen auch.“

Doch Kermani scheut sich auch nicht, ein Stück Ehrlichkeit in die Debatte zu bringen: Als Flüchtlinge ihm von ihren Hoffnungen bezüglich ihres Zieles Deutschland berichten, und von den Bildern, die sie im Fernsehen sahen, die sie ermutigt hätten, den gefährlichen Weg anzutreten, offenbart er, dass die Willkommenskultur so wohl nicht gemeint gewesen sei. Gerade den Menschen in Deutschland, die man am unteren Ende der Wohlstandsverteilung verorten würde, gesteht er zugleich ein, über die ohnehin schon schwierigen (finanziellen) Verhältnisse klagen zu dürfen, und verzweifelt zu sein angesichts der eigenen ungewissen Zukunft. Zugleich spart Kermani nicht mit Kritik an der teils aufkommenden Scheinheiligkeit, sowohl bei sich selbst („Es tut gut, gut zu sein, auch mir, wenn ich Bericht erstatte: auch das eine Erleichterung, während ich weiter mein Wohlstandsleben führe.“), als auch die der Helfer: „Und doch legen einzelne und zumal manche politische Aktivisten eine Selbstgerechtigkeit an den Tag, einen Paternalismus gegenüber Flüchtlingen und eine aggressive Besserwisserei, daß man sich mitunter den guten alten Arbeiter-Samariter-Bund herbeiwünschte oder die Heilsarmee.“

Nicht zuletzt reflektiert Kermani die widersprüchliche deutsche Dialektik: Während inzwischen mahnende Worte an viele andere EU-Staaten gerichtet werden, war es doch Deutschland, das sich lange gegen eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge, die in Italien oder Griechenland ankamen, sträubte und es als nationales Problem einzelner Staaten stigmatisierte. Seine Lösungsvorschläge für die inzwischen zur intraeuropäischen Aufgabe herangewachsenen Situation sind weniger idealistisch, als man bei einem Friedenspreisträger mit Migrationshintergrund erwarten durfte, vielmehr sind sie vom Ausgleich zwischen den Lagern und einem humanistischen Pragmatismus geleitet: mehr Europa, mehr Solidarität; die Trennung zwischen Einwanderung und politischem Asyl; Erweiterung der Flüchtlingskonvention, um auch nichtkriegerische Fluchtursachen anzuerkennen. Selbst Abschiebung – ein Teufelswort für viele linke Politische – sieht er schlicht als Notwendigkeit der Politik und des Zusammenlebens an.

„Allerdings muß man sich auch klarmachen, was geschehen würde oder mancherorts bereits geschieht, wenn man sich zu Härte und Abschottung entschließt. Das eigene Herz würde verhärten und die Offentheit verkümmern, die Europa als Projekt und Folge der Aufklärung ausmacht.“

Navid Kermani ist mit Einbruch der Wirklichkeit eine scharfsinnige Demonstration dieser unvorstellbaren menschlichen Dramen, die sich alltäglich auf den Fluchtwegen zwischen Syrien, Afghanistan oder dem Irak und Deutschland abspielen, gelungen. Man muss sich beim Lesen stets vor Augen führen, dass es sich hierbei nicht um eine Fiktion eines großartigen Autors handelt, sondern Kermani lediglich mit seiner grenzenlosen Sprache Beobachtungen aufgeschrieben hat. Diese Erkenntnis ist eigentlich schon hart genug.

Refugees Welcome!? (2015)

(c) Bernd Wachtmeister/pixelio.de

Doch mithilfe beeindruckender, eindringlicher und zugleich bedrückender Fotos wird das Grauen der Flucht nochmals ungeschönt unterstrichen. Sie zeigen die Verzweiflung der Menschen und zugleich ihre Hoffnung und Erleichterung, wenn sie an der griechischen Küste angespült werden, ihren Willen, auch die noch folgenden Qualen auszuhalten. Ihre Gesichter mögen zwar von Verzweiflung geprägt sein, aber zugleich ist das unbändige Bestreben, dem Gräuel des Krieges und der Verfolgung zu entkommen, in ihren Augen abzulesen. Dies sollte den Menschen in Europa zweierlei verdeutlichen: Nach all dem, was die Flüchtlinge bereits hinter sich haben, werden sie weiterhin mit aller Macht versuchen, dem Tod und dem Elend zu entkommen. Zugleich sollten die Europäer nie vergessen, was es bedeutet, in Frieden aufzuwachsen und zu leben – ist es wirklich zu viel verlangt, dies auch anderen Menschen zuzugestehen und zu ermöglichen?

„Man muß sein Herz schon gewaltig zugeschnürt haben, um sich eines Kindes nicht zu erbarmen. Es geht, aber es geht nicht, ohne die eigene Persönlichkeit zu verstümmeln.“

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8 Kommentare zu “Lebenswille kennt keine Grenzen

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