Das Leben ist kein Nullsummenspiel

Benedict Wells Ende Einsamkeit BücherherbstWie tief ist das Loch, das der Schmerz nach einem leidvollen Verlust in die Seele bohrt?

Ein Leben kann viele Wege nehmen. Geprägt durch die Familie, die Umwelt, die Erlebnisse, entscheidet sich, welcher Mensch man wird. Welche charakterlichen Eigenschaften in den Vordergrund treten. Wie man sich in die Gesellschaft fügt und welchen Umgang man mit seinen Mitmenschen pflegt. Jules und seine beiden älteren Geschwister Liz und Marty hätten eine durchaus normale Kindheit führen können, doch das Leben meint es nicht gut mit ihnen: Früh verlieren sie ihre Eltern aufgrund eines Autounfalls. Benedict Wells erzählt in seinem neuen, bewegenden Roman Vom Ende der Einsamkeit, wie Menschen ihren individuellen Weg finden müssen, um mit einem schmerzlichen Verlust umzugehen.

Ich-Erzähler Jules blickt nach einem schweren Motorradunfall und zwei Tagen im Koma auf sein Leben zurück, es hatte doch so behütet begonnen: Er wuchs auf in einer engen Familienbande – insbesondere seine Schwester Liz liebte er innig – und sie reisten regelmäßig gemeinsam zur Großmutter nach Frankreich. Der Vater vertraute Jules nicht nur seine alte Kamera an, sondern auch wichtige Ratschläge für’s Leben: Er solle einen wahren Freund finden. Die drei Geschwister hatten eine unbeschwerte Kindheit. Doch als ihre Eltern ein Wochenende verreisten, während ihre Tante zu Hause auf sie aufpasste, geschah das Unglück: Bei einem tragischen Unfall kamen Vater und Mutter ums Leben. Urplötzlich rückten alle anderen Dinge in den Hintergrund. Die Kindheit war mit einem Schlag vorbei. Sie wurden herausgerissen aus der Sicherheit, die eine Familie bietet.

„Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“

Die drei Geschwister müssen ins Internat. Jules ist gerade elf Jahre. Obwohl sie alle im gleichen Komplex untergebracht sind, fehlt ihm die familiäre Wärme und der Halt. An diese Stelle treten Kühle („Das Heimweh ist nur noch eine verblassende Narbe“) und Gleichgültigkeit. Doch welchen Weg wählt man, um den Schmerz auszuhalten? Jules zieht sich zurück, er wird vom Gefühl des Fremdseins und des Alleinseins bestimmt. Von den Nicht-Heimkindern wird er wie ein Aussätziger behandelt und selbst innerhalb des Internats wird er als „seltsamer Junge“ stigmatisiert, bis er irgendwann vollkommen isoliert ist. Seine Geschwister versuchen auf ihre eigene Weise mit der Einsamkeit umzugehen. Während Marty ohnehin eher der unzugängliche, rationale Computernerd ist, der teils autistische Ticks entwickelt und Liebe lediglich als eine chemische Reaktion erachtet, testet Liz ihre Grenzen aus, bis hin zum selbstzerstörerischen Drogenkonsum. Doch es gibt auch Lichtblicke: Jules lernt die gleichaltrige Alva kennen, die ebenfalls einen verborgenen Schmerz des Verlusts in sich trägt. Und als könnten sie ihren Schmerz gegenseitig neutralisieren, lernen die Beiden einander zu vertrauen und werden beste Freunde. Unterdessen haben sich die Geschwister mehr und mehr voneinander entfremdet, sehen sich teils jahrelang nicht, so dass Alva für Jules eine Art Ersatzfamilie wird. Nichtsdestotrotz vermisst Jules insbesondere seine Mutter immens, noch Jahre nach ihrem Tod weint er hemmungslos.

Wie unterschiedlich sich Menschen entwickeln, wird eindrücklich anhand der Geschwister dargestellt, die grundverschieden sind: Nihilist Marty promoviert, baut eine erfolgreiche Firma auf und wird schnell reich. Liz hingegen ist im freien Fall, sie gerät immer weiter in die Drogensucht, hat eine Abtreibung und Zusammenbrüche hinter sich sowie Probleme, anderen Menschen zu vertrauen. Zwischendurch verschwindet sie für Jahre. Und Jules findet sich im Leben überhaupt nicht zurecht. Das Jurastudium bricht er ab, als Fotograf ist er ziemlich erfolglos und regelmäßig flüchtet er sich in Tagträume, ist häufig alleine und unfähig an der Gesellschaft teilzunehmen – das Hier und Jetzt ist für ihn kaum passend, vielmehr würde er gerne in eine Welt zurückkehren, in der seine Eltern noch lebten.

Doch wie viel Zeit sollte man vergeuden auf der Suche nach einem rundum glücklichen Leben, das womöglich ohnehin nur eine Illusion ist? Der Schmerz, den Jules verspürt, wird nie wirklich enden. Er muss also auf die Suche gehen nach einem alternativen Weg, der ihn den Verlust verkraften lässt, statt auf ewig zu zweifeln – oder Drogen zu nehmen oder das Leben zynisch zu verneinen.

„Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden.“

Erst ein Wiedersehen mit Alva – nach Jahren des Schweigens, in denen sie versuchte, davonzulaufen, um den Schmerz zu verdrängen -, das Auflebenlassen der alten Geschichten, das Gefühl des Vertrauens, lässt Jules neuen Mut fassen. Nun werden die Beiden jedoch mit einer weiteren Art des Verlustes konfrontiert: Alvas Mann, ein berühmter Schriftsteller, ein gebildeter, kultivierter und kreativer Mensch, ist an Alzheimer erkrankt („Ein Haus, dessen Außenfassade noch intakt war, während drinnen alles zusammenbrach“). Ihm entgleitet die Welt und das Wissen über sein eigenes Handeln. Irgendwann sieht er keinen Ausweg mehr und geht bis zum Äußersten. Jetzt ist für Jules und Alva zwar der Weg frei, um die in der Jugend angedeutete Liebesgeschichte zu vollenden, doch auch ihr Glück ist nur von zwischenzeitlicher Dauer und endet tragisch.

Vom Ende der Einsamkeit ist herzzerreißend und tieftraurig. Benedict Wells ist einfach ein außergewöhnlicher Atmosphärenschöpfer, er kreiert mit dem düsteren Grundton eine melancholische Stimmung, die den Leser von Beginn an mitfühlen lässt. Zugleich beweist er mit dem Roman, dass er bereit ist für die großen Themen. Dabei lässt Wells die Frage offen, wohin der Weg einen Mensch führt – und wer oder was dafür verantwortlich ist, für welche Richtung man sich an der Kreuzung entscheidet? Vielmehr zeigt er, dass das Leben nunmal nicht immer fair ist und erst recht kein Nullsummenspiel, in dem jedes Übel irgendwann ausgeglichen wird. Wer dieses qualvolle Leid nie spürte, kann es sich nicht im Entferntesten vorstellen. Doch egal, wie tief sich der Schmerz in die Seele gebohrt hat, man darf nicht daran verzweifeln. Das Leben hält immer noch eine nächste Abzweigung bereit.

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11 Kommentare zu “Das Leben ist kein Nullsummenspiel

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  4. Tolle Rezension! Ich habe das Buch auch grade erst ausgelesen und bin total begeistert. Am Schluss sind sogar ein paar Tränchen gekullert – und das will bei mir wirklich was heißen. Wells melancholische Erzählung hat mich total berührt!

    LG Cat

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    • Danke! Ist wirklich ein außergewöhnlich gutes, teils herzzerreißendes Buch. Und wie Wells selbst sagt: Ein Quantensprung nochmals im Vergleich zu seinen vorherigen Büchern – obwohl ich auch die schon super fand.

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      • Ich würde insbesondere „Fast genial“ empfehlen, war bislang mein Wells-Lieblingswerk. Ansonsten hat Wells kürzlich verraten, dass er „Spinner“ überarbeitet hat und es demnächst in neuer Fassung erscheint – er war wohl mit seinem damaligen Schreibstil inzwischen nicht mehr zufrieden?!

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      • Ach cool, danke für den Tipp! Das werde ich mir auf jeden Fall mal merken und bei Gelegenheit genauer anschauen. Finde es schon beeindruckend, dass er in seinem jungen Alter einen so „intensiven“ Roman geschrieben hat! Aber er scheint ja auch sehr ehrgeizig zu sein, wenn er jetzt schon seine „alten“ Romane überarbeitet 😉

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