Ein verträumtes Ich

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGetrieben von Schicksalsschläge, wie den frühen Tod seines Vaters, seiner Mutter und dem eines seiner Kinder sowie der Scheidung von seiner Frau, gibt Frank Bascombe eine hoffnungsvolle Karriere als Autor auf. Schluss mit literarischer Ambition, bevor sie richtig beginnen konnte. Stattdessen nimmt er ein Jobangebot als Sportreporter an. Von nun an berichtet er vielmehr von den Schicksalsschlägen anderer Menschen. Pulitzer-Preisträger Richard Ford hat in inzwischen vier Büchern von seinem literarischen Alter-Ego Frank Bascombe erzählt (außerdem: Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes und Frank) und wie dieser durch’s Leben balanciert, stets in den Abgrund blickend. Den Anfang der Reihe machte er mit Der Sportreporter (1986).

Protagonist Frank ging nach dem Tod des Vaters auf eine Militärschule, wo er in seiner Jugend auf Gehorsamkeit sozialisiert und Schwäche stets als Makel angesehen wurde. Erst nach der Scheidung von seiner Frau sah er die ironische Seite des Lebens: „Die Sorgen anderer Leute wurden für mich zur Quelle von Belustigung und hämischen Spott, die ich mir nachts in Erinnerung rief, um mich besser zu fühlen“. Frank versuchte, ein typisches Schriftstellerleben zu führen, brachte mehrere Bücher heraus und gab Lesungen. Dann lernte er bei einer Signierstunde seine künftige Frau, die lediglich namenlos X genannt wird, kennen. Während sie zunächst gemeinsam in New York wohnten, zog es den stets rastlosen Frank weg: Sie kauften mit seinen Honoraren ein Haus in New Jersey. Obwohl er gleich mehrere Projekte gleichzeitig verfolgte, hörte er urplötzlich auf, zu schreiben: „Ich hatte einfach alles vergessen“. Frank war ausgelaugt – da kam das Angebot, als Sportreporter zu arbeiten, genau zum richtigen Zeitpunkt, er bezeichnete ihn gar als „eine[n] der glücklichsten Augenblicke meines Lebens“. Gefangen auf einem Gefühlskarussell, erkannte er gleichzeitig, dass die Ehe ihn ebenfalls nicht erfüllen konnte.

„Es ist (…) nicht leicht, einen geschiedenen Mann zum Nachbarn zu haben. In ihm schlummert das Chaos – der lebensfähige Gesellschaftsvertrag ist durch den zwielichtigen Aspekt des Sex in Frage gestellt“

Die Arbeit des Sportreporters brachte ihn immerhin mit Menschen zusammen, die im Laufe ihrer Karriere gelernt hatten, sich eine unterkomplexe Denkweise anzueignen, um die Welt um sich herum auszublenden: Eine „angenehme, selbstverherrlichende Eindimensionalität“. Er trifft auf Menschen, die ihn einen kurzen Abschnitt seines Lebens lang begleiten, die ihrerseits auch Pannen und Neustarts hinter sich haben. Jeder dieser Akteure lebt in einer eigenen Welt der sozialen Unbeständigkeit.

„Wenn das alles den Anschein erweckt, als sei das Dasein eines Sportreporters eine recht oberflächliche Angelegenheit, dann nur, weil es das tatsächlich ist.“

Außerdem ist Frank Mitglied in einem Klub für geschiedene Männer, gemeinsam mit vier weiteren, überaus verträumten Menschen, mit denen er zusammen des Öfteren etwas unternimmt. So sprach er mit Walter auch über das Unangenehmste seines Jobs: die Erwartungen anderer Menschen, dass er etwas positives für sie bewirke. Im Gegenzug vertraute Walter sich ihm an: Er hatte mit einem Mann geschlafen, was im Amerika der damaligen Zeit noch überaus anrüchig war. Frank zeigte sich liberal, so wurde aus einem oberflächlichen Gespräch ein freundschaftliches, tiefgründiges Vertrauensverhältnis.

Zugleich ging Frank regelmäßig zu einer Handleserin, Mrs. Miller, an deren okkultes Treiben er zwar nicht glaubte, er aber Mut und Zuversicht zu erlangen erhoffte. Glücklich war er immer nur in kurzen Augenblicken oder Abschnitten. Vielmehr ist er ein Träumer, der nie bei sich selbst angekommen ist, ständig zweifelnd und nach dem schnellen Kick, dem kurzzeitigen Glück suchend. Schon während der Ehe zeigte sich dies durch regelmäßige Seitensprünge. Zudem träumte er so lebendig, dass er schlafwandelte und morgens manchmal auf dem Dielenboden aufwachte. In seinem Leben traf Frank auf ebenso verträumte Menschen, wie den ehemaligen Spitzensportler Herb Wallagher, der seine Karriere beenden musste, Coach wurde, aber so stark an seinen Fähigkeiten zweifelte, dass er am liebsten alles sofort hingeschmissen hätte. Ständig versuchte Frank, durch neue triviale Bekanntschaften und Affären seinem Leben neuen Schwung zu geben – doch es wollte nicht gelingen.

Richard Ford zeichnet in einem glänzend erzählten inneren Monolog das Leben eines gar nicht so außergewöhnlichen Menschen nach. Doch bei all den Höhen und Tiefen sind es die Oberflächlichkeit und das Zweifeln, ein dauerhaft in einem träumerischen Zustand gefangenes Ich, das den Protagonisten nie bei sich selbst ankommen lässt. Das Buch hinterlässt einen nachdenklichen Leser, der von der gedankenverlorenen, zerfahrenen Stimmung gefangen wird. Ford zeigt, dass es Unverzagtheit benötigt, um sich nicht vom Weg abbringen zu lassen, so schwer der Moment auch erscheinen mag. Am Ende der Melancholie ist stets ein Stück Glück zu sehen.

„Es ist die letzte Stunde des Tages, wenn aus tiefen Schächten Schatten steigen und unstetes Halblicht, wenn der späte Nachmittag endet und der frühe Abend beginnt und wir alle den Wunsch haben, uns in einen Ledersessel ans offene Fenster zu setzen, mit jemandem, den wir lieben oder mögen, ein Glas zu trinken, den Sportteil der Zeitung zu lesen und vielleicht ein Weilchen zu dösen und wieder aufzuwachen, ehe der Tag ganz zu Ende ist, uns ein wenig in unseren kühlen Gärten zu bewegen und den Vögeln zuzuhören, die in den Bäumen ihre lieblichen Abendlieder singen. Für solche wohltuenden Intermezzi sind unsere Vororte gebaut worden.“

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2 Kommentare zu “Ein verträumtes Ich

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