Unerbitterlicher Überlebenskampf

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Angekommen in einer fremden Welt. Vollkommen allein. Alles verloren, auf der Suche nach Halt und einem neuen Zuhause. Aktuell befinden sich immer mehr Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung sind, in dieser Lage. Insbesondere die Zahl der alleinreisenden Minderjährigen ist immens. Michael Köhlmeier erzählt in Das Mädchen mit dem Fingerhut von einer vielen nicht vertrauten Situation: Wie ist es, wenn man heimatlos und ganz auf sich gestellt ist?

Das sechsjährige Mädchen Yiza muss sich in einer rauen und winterlichen Umgebung zurechtfinden, in der ihr alle Menschen fremd sind und sie nichtmals die Sprache versteht. Sie ist ein Flüchtlingskind, lebt größtenteils auf der Straße und ist angewiesen auf die Hilfe ihrer Mitmenschen. Köhlmeier zeichnet ihren Weg nach, der von vielen zufälligen und auch nur zeitweiligen, aber oftmals positiven Begegnungen geprägt ist. So trifft Yiza auf einen „Onkel“, der sie mit auf den Markt nimmt, um ihr zu zeigen, wo sie sich den Tag über aufhalten kann; auf einen Fischhändler und seine Kunden, die sich großzügig zeigen und ihr Essen und Kleidung geben und sie nicht der Polizei melden, um ihr keine Angst zu machen, sondern ihr zu zeigen, dass sie willkommen und frei ist; auf Frauen, mit denen sie gemeinsam in Müllcontainern wühlen muss, um den Hunger zumindest ansatzweise stillen zu können; auf einen anscheinend ebenfalls Mittellosen, der ihr Limo und Brot kauft; auf viele Menschen, die sie zwar sehen, aber nicht wahrnehmen. Auf ihrer Suche nach Geborgenheit und einem Refugium macht Yiza allerdings auch bittere Erfahrungen mit einer nur oberflächlich mütterlichen, stattdessen vielmehr besitzergreifenden Person.

„Sie wussten nicht, wohin sie gehen sollten, aber Schamhan ging voran und Arian und Yiza folgten ihm, und er ging, als kennte er den Weg, stampfte bei jedem Schritt auf, und sie folgten, als würden sie ihm vertrauen.“

Im Heim – vermutlich ein Haus für minderjährige Flüchtlinge – lernt Yiza die beiden älteren Jungen Schamhan und Arian kennen. Da Schamhan Yizas Sprache spricht, baut sie Vertrauen zu ihm auf und folgt den Beiden auf ihrer kräftezehrenden Reise durch den Alltag. Gemeinsam durchstehen sie den tagtäglichen Überlebenskampf, gegen den Hunger, gegen die unerbitterliche Kälte. Letztendlich gliedern sich ihre Tage auf in gute, an denen es genug Nahrung gibt und sie einen Zufluchtsort vor Kälte und Nässe finden, sowie schlechte, an denen sie hungern müssen und dem Wetter ausgesetzt sind.

Köhlmeiers unausschmückende Sprache mit prägnanten, kurzen Sätzen verstärkt das Gefühl dieser Härte, die das Leben Yiza und ihren Begleitern beschert. Streckenweise hat der parataktische Stil gar einen kindlichen Charakter, als wäre auch der Erzähler erst im jugendlichen Alter. Wären die Umstände nicht so bedrückend und beklagenswert, könnte es eine Abenteuerepisode dreier Kinder sein, die auf ihre Weise die Welt entdecken. In welchem Land sich Yiza befindet – wahrscheinlich ein westeuropäisches -, bleibt zwar offen, allerdings ist dies auch nicht von Bedeutung. Vielmehr ist Köhlmeiers Parabel eine Mahnung an alle Gesellschaften. Sie zeigt, wie wichtig das gegenseitige Vertrauen ist, wie hart sich der tägliche Kampf ums Überleben für manche gestaltet, und wie schwer es Menschen am Rand der Gesellschaft haben, egal, ob sie als Flüchtling neu dazugekommen oder seit langem ein Teil davon sind.

„Alle Menschen schauten zu ihnen herüber. Aber sie schienen sich nicht für sie zu interessieren.“

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8 Kommentare zu “Unerbitterlicher Überlebenskampf

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