Ideenloser Weltverbesserer

44226415zDie Probleme, die in Deutschland zu einer sozialen Schieflage geführt haben, sind vielschichtig. Soziale Ungleichheit grenzt Menschen systematisch aus. Umhin gibt es viele Menschen, die mit ihren Ideen dagegen ankämpfen, um die Ungerechtigkeit ein Stück weit zu verringern oder zumindest das Leid der Benachteiligten zu lindern. In seinem bei Books on Demand erschienenen Buch Nichtstun heißt, es tut sich nichts beschäftigt sich David Gutensohn mit jenen Menschen, die versuchen, anderen das Leben lebenswerter zu machen und begibt sich auf eine „Exkursion zu den politischen Baustellen unseres Landes“, wie er es in seiner Einleitung beschreibt.

Der Autor setzt sich ein hehres Ziel: Er möchte aufzeigen, welche Veränderungen und „Ideen für ein besseres Morgen“ vonnöten wären, damit die „Kluft zwischen Arm und Reich“ sich nicht weiter vergrößert, schließlich attestiert er der „gesellschaftlichen Linken“ – eine genaue Definition, welcher Personenkreis oder welche institutionellen Zusammenschlüsse unter diesem weiten Begriff subsumiert werden, wird nicht gegeben -, sie bräuchte „neuen Mut zur Veränderung“. Durch den Klappentext sowie die Einleitung wird eine enorme Erwartungshaltung geweckt. Bereits an dieser Stelle kann verraten werden: Über ein politisches Einführungsseminar minderer Qualität kommt das Buch leider nie hinaus. Das Quellenverzeichnis am Ende des Buches soll den wissenschaftlichen Anspruch unterstreichen – das Gegenteil ist der Fall: Der Autor führt fast ausschließlich Onlinenachrichtenseiten, Youtube oder Wikipedia an. Dabei wird nicht einmal der Anschein erweckt, er hätte seine verwendeten Daten im Ansatz hinterfragt oder überprüft.

Zunächst einmal ist die Form des Ich-Erzählers für ein Sachbuch, und darum sollte es sich hierbei handeln, vollkommen ungeeignet. Man mag dem jungen Autor (Gutensohn war am Erscheinungstag 22 Jahre) zugute halten, dass er die Situation ungeschönt aus seiner „kritischen“ Perspektive schildern wollte, doch schmälert dies die Seriosität ungemein, zugleich nimmt es jeglichen Anspruch der Sachlichkeit, die doch durch eine Vielzahl an angeführten Zahlen beabsichtigt wird. Darüber hinaus muss auch die penetrante gendergerechte Sprache negativ angekreidet werden. So wichtig das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit sein mag, ist dies an vielen Stellen ein sprachlicher Schlag unter die Gürtellinie, wenn Wortverstümmelungen wie „Kolleg*innen“ entstehen – oder gibt es über die umgangssprachliche oder dialektische Verwendung des Wortes „Kolleg“ eine sinnvolle lexikalische Bedeutung?

Hoch anzurechnen ist David Gutensohn definitiv, den wichtigen Versuch unternommen zu haben, die Missstände des Sozialstaates (aus „linker“ Sicht) aufzuzeigen. Zugleich stellt er eine Vielzahl an immens interessanten Projekten vor, die spannende Einblicke in eine für viele nicht alltägliche Welt bieten, von denen manche durchaus bekannt sind, andere Initiativen einem größeren Teil der Gesellschaft aber womöglich noch nicht geläufig sind und nun eine größere Bühne erhalten, um vorgestellt zu werden.

Hier muss das Lob allerdings bereits wieder enden. Denn letztlich bleibt über die Vorstellung der Projekte hinaus nicht viel Substanzielles, Gutensohn ist eher ein ideenloser Weltverbesserer. Stattdessen werden ständig Plattitüden gebraucht, die einfach nur der politischen Alltagssprache entliehen wurden, aber nicht besonders viel Beobachtungsgabe benötigen – es soll an dieser Stelle auf eine Aufzählung verzichtet werden, eine Wiederholung dieser leeren Worthülsen hilft schließlich nicht weiter. Einzig ein Beispiel aus dem Schlussteil, von dem man doch weiterführende Konzepte erwarten sollte: „So viele politische Vorhaben wirken derzeit wie Makulatur, wenn man die unzähligen Krisenherde dieser Welt betrachtet. Auch wenn das vielen nicht bewusst sein mag, befinden wir uns in historischen Zeiten. […] Denn wer sich weigert, den eigenen Wohlstand mit vom Leid geplagten Mitmenschen zu teilen, hat ihn nicht verdient. Ein Anspruch, dem der Friedensnobelpreisträger Europa bei weitem nicht gerecht wird. […] Doch egal welche Katastrophen sich ereignen, die hausgemachten Probleme an der Wurzel anzupacken scheint nicht auf der Agenda zu stehen.“ Besonders kritisch wird das Einbeziehen des Wirtschaftswachstums als Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft. Hiervon sind nicht nur „die Linken“ bereits abgerückt. Dies sollte einem Politik- und Sozialwissenschaftsstudenten eigentlich nicht entgangen sein.

Die eigentliche Enttäuschung beim Lesen des „Sozialbuches“, wie der Autor sein Werk selbst nennt, waren jedoch die „Lösungen“. Hierzu drei Beispiele:
1. die „Tafeln“, die an Menschen mit geringem Einkommen (…) Essen verteilen. Gutensohns Lösung: Die Tafeln abschaffen.
2. Hartz IV: Die Sanktionen müssten abgeschafft werden.
3. die „Arche“: Politik müsse sich der wachsenden Kinderarmut und dem Versagen des Bildungssystems stellen.
Wer diese Lösungsbeispiele für innovativ oder besonders fundiert hält, darf sich gerne bei mir beschweren, ich halte sie schlichtweg für absurd bis lächerlich und nullkommanull kreativ oder zielführend. Teils auf Niveau einer Boulevardzeitung war seine These in Bezug auf die fehlenden (Bildungs-)Perspektiven von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwächeren Familien: „So bekommen die vielen Kevins, Mandys oder auch Murats […] selbst bei gleicher Leistung schlechtere Noten und Empfehlungen als Akademikerkinder. Allein ihr Name, kultureller Hintergrund und ihr Sozialverhalten verleitet viele ungeschulte Lehrer*innen (was hier unter „ungeschult“ verstanden wird, bleibt vollständig offen; Anm. d. Autors) dazu, sie zu benachteiligen.“

Dieses „Sozialbuch“ namens Nichtstun heißt, es tut sich nichts bietet ein paar nette Einblicke. Doch von wirklichen Lösungen oder gar einem diskutablen Zukunftskonzept ist David Gutensohn Lichtjahre entfernt. Wer mehr über Initiativen oder Projekte erfahren möchte, über die auch auf zahlreichen Internetseiten schon ausführlich berichtet wurde und weiterhin wird, kann sich diese Lektüre antun. Allen anderen sei empfohlen: Nutzt eure Zeit sinnvoll und denkt lieber selbst darüber nach, welche Veränderung euch wichtig ist und ob und wie ihr diese gestalten könnt. Dieses Buch braucht ihr dafür ganz sicher nicht.

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