Der letzte Ausweg

Rezension Walser Bücherherbst Suizid ForumWo ist die Grenze zwischen dem Leben und dem Sterben? Ist der immanente Todeswunsch bereits der Beginn des Ablebens? Martin Walser erzählt in seinem neuen Roman Ein sterbender Mann die Geschichte eines gesellschaftlichen Absturzes – bis hin zur verstörendsten Konsequenz, die ein Mensch hieraus zu ziehen bereit ist: den ersehnten Suizid. Das einsame Ich löst sich hierfür aus allen gesellschaftlichen Strukturen, überschreitet durchaus die eine oder andere normative Grenze, und findet einzig im Schreiben eine Möglichkeit zur Bewältigung des Lebens. Dabei greift Walser einige große erzählerische Motive auf: Liebe und Leidenschaft, Verrat und Hoffnung, das Altsein und – natürlich – den Tod.

Walsers Protagonist, der 72-jährige Theo Schadt, ist ein Autor von Bestsellerrang und einstmals erfolgreicher Unternehmer, der von seinem langjährigen Freund Carlos Kroll, einem vielbeachteten Lyriker, hintergangen wurde, so dass er sein Unternehmen aufgeben musste. Der entstandene Vertrauensverlust sei folglich absolut und eine weitere Beziehung zwischen ihm und Kroll nicht vorstellbar. Nun sucht er nach einer „Lösung“ für sein weiteres Leben und hofft, diese in einem Suizidforum zu finden. Hier erwartet er sich von Gleichgesinnten die Antwort auf die Frage nach der idealen Form des Suizids, zunächst beobachtend, später teilnehmend und um Rat ersuchend. Schadt erklärt diese von ihm getroffene Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu bereiten, für „irreversibel“. Es wird nie klar, warum ihn sein früherer Freund durch seinen Verrat in diese verzweifelte Situation manövriert hat. Schadts Frau Iris vermutet, er müsse seinen Weggefährten wohl zutiefst verletzt haben, womöglich habe er die Gedichte des Lyrikers Kroll nie hinreichend gewürdigt.

„Wenn er darunter litte, mich umgebracht zu haben, wäre ich nicht umsonst gestorben.“

Im Suizidforum lernt Schadt Leidensgenossin Aster kennen. Mit ihr führt er von nun an einen anregenden Schriftverkehr, was ihm zugleich ein wenig Hoffnung zu geben scheint. Er nennt sich Franz von Moor – ein Verweis auf Friedrich Schillers „Die Räuber“ -, in dem er sich wohl wiedererkennt: die Minderwertigkeitskomplexe, das ständige Zweifeln an sich selbst.

Nebenher hilft er im Tangogeschäft seiner Frau an der Kasse aus. Hier hat er eine außergewöhnliche Begegnung: Als eine Kundin bezahlen möchte, wird ihm plötzlich schwindelig, Schadt vermutet eine Art Erlösungserscheinung: „eine Explosion. […] Sobald er die Augen zumachte, starrte er in die Lichtflut, darin sie.“ Seine Frau hingegen mutmaßt, dass es ein Schlaganfall war. Da er in diesem Moment nicht Herr seiner Sinne war, muss Schadt später über die Kundenkartei des Geschäfts die Adresse der Frau heraussuchen. Fortan entwickelt sich ein munterer Briefwechsel über das Leid und die Liebe, der erst später zutage fördert, dass bereits eine engere Verbindung zwischen der Kundin und ihm besteht. Das Schreiben befreit Schadt ein wenig von den Sorgen, es gibt ihm Luft, wobei es ihm letztlich lediglich zur Lebenserhaltung dient. Es ist nicht sein Lebenssinn. Und sobald er wieder eine berufliche Beschäftigung habe, würde er das Schreiben sofort beenden.

Obwohl Schadt sich nichts sehnlicher wünscht, als sein Leben zu beenden, kann ihn auch eine ärztliche Todesdiagnose (er hat einen Dickdarmtumor und nur noch wenige Wochen bis Monate zu leben) nicht besänftigen. Stattdessen sterben nach und nach Menschen in Schadts näheren Umgebung, nur ihm bleibt die vermeintliche Befreiung versagt. Er irrt stattdessen weiter herum in der Wüste des Lebens, die Oase der Erlösung ist eine Fata Morgana. Der Tod scheint so nah und doch unerreichbar.

„Die Erlösung muss im Kopf passieren“

Das Schreiben gibt Martin Walsers Protagonist einen „Hauch einer Weiterlebensillusion“ – inwieweit dies auch auf den 88-jährigen Autor selbst zutrifft, kann nur gemutmaßt werden. Man kann die Thematik der Erzählung durchaus öde finden, da sie nicht neu ist in Walsers Repertoire, genauso wie seine Männerfantasien, die streitbaren Gedichte des Meisterlyrikers Kroll oder die pöbelhaften Witze während einer Preisverleihung abstoßend sein können. Doch Walser vollzieht ein vorzügliches sprachliches Spiel mit dem Takt der Worte. Nicht nur die im Buch vorkommene Lyrik ist lyrisch, sondern selbst eher Umgangssprache pflegende Textgattungen wie das Internetforum. Ein sterbender Mann ist wundervolle, lesenswerte Literatur, denn Martin Walser schreibt mit einer wortgewaltige Wucht, die begeistert.

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Ein Kommentar zu “Der letzte Ausweg

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