Ein unbezahlbares Erbe

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„Die Beschäftigung mit dem Tode ist die Wurzel der Kultur“ (Friedrich Dürrenmatt)

Viele Menschen befassen sich erst im hohen Alter so richtig mit der Endlichkeit des Lebens. Meine Oma ist gerade an diesem Punkt. Eigentlich ist sie mit über achtzig Jahren noch putzmunter und genießt ein unbekümmertes Leben mit meinem Opa an einem stets sonnigen Ort am Mittelmeer. Trotzdem hat sie sich Gedanken gemacht, auch darüber, welche materiellen Dinge sie überhaupt noch benötigt, und was mit jenen Dingen nach ihrem Tod geschieht, die ihr wichtig sind. Dabei ist sie (unvermeidlich) auf ihre ungefähr einhundert Bücher umfassende Sammlung aller Nobelpreisträger für Literatur seit 1901 gestoßen, welche sie irgendwann Mitte des vergangenen Jahrhunderts nach und nach erworben hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADiese Sammlung ist für sie sehr bedeutsam. Und sie hegte die Angst, dass all diese schönen Bücher nach ihrem Tod aussortiert werden und einfach auf dem Müll landen. Meiner Oma war bewusst, dass ich ein Büchernarr bin. Trotzdem schwang auch ein wenig Unbehagen mit, als sie mich fragte, ob ich ihre Bücher als eine Art vorzeitiges Erbe haben möchte, schließlich bürde sie damit einer anderen Person ihre „Altlast“ auf. Hätte sie vorher gewusst, welch Freude und Glück sie mir damit bereitet – nicht nur, die Sammlung „vererbt“ zu bekommen, sondern zugleich zu wissen, dass meine Oma ihre Sammlung einzig bei mir in den richtigen Händen zu wissen glaubt -, wäre ihr die Frage sicherlich leichter gefallen. Danke Oma! 
Da sie allerdings jedes Mal mit dem Flugzeug anreisen muss, kann sie mir immer nur wenige Bücher mitbringen, bislang sind wir erst im Jahr 1917 angelangt. Andererseits lässt mich das hoffen, dass wir uns noch viele Male sehen werden, bei meiner Oma bleibt solch ein Vorhaben schließlich nicht unvollendet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADoch dieses „Erbe“ ist für mich nicht lediglich ein Geschenk. Es hat mich auch über die Situation meiner Oma nachdenken lassen. Welche Gedanken machen sich Menschen, wenn sie merken, dass ihr Freundes-, Bekannten- und Familienkreis sich langsam nach und nach verabschiedet? Wie geht man damit um, zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit zunimmt, am nächsten Morgen – auch wenn dieser hoffentlich noch Jahre entfernt ist – nicht mehr aufzuwachen? Wie fühlt sich die Wurzel der Kultur an? Ist sie warm? Ist sie hart? Oder umarmt man sie einfach, in dem Wissen, angelangt zu sein?

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