Sterben kann so lustig sein

(c) Kiepenheuer & Witsch

Wie dramatisch ist der Tod? Überhaupt nicht, meint Thees Uhlmann, ganz im Gegenteil: Das Sterben kann durchaus humorvoll sein. In seinem Debütroman Sophia, der Tod und ich lässt er den Tod wahrhaftig werden und stellt den Leser vor die Frage: Was wäre, wenn man nur noch kurze Zeit zu leben hätte? Was würde man mit seinen letzten Minuten anfangen? Die Vorstellung vom Tod begleitet Menschen ein Leben lang. Wird man sich ihm trotzdem erst bewusst, wenn man ihn vor sich sieht?

Es klingelt an der Tür des Ich-Erzählers. Und vor der Tür steht der Tod, der den Todgeweihten mit sich nehmen möchte, auch wenn dieser es zunächst für einen schlechten Scherz hält. Drei Minuten habe er noch, die er nach eigenem Belieben nutzen könne. Als Altenpfleger war ihm die Situation gar nicht so unbekannt, schließlich gehört es in gewisser Weise zum Berufsbild, dass Menschen irgendwann sterben müssen und somit eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet. Jedoch bezieht sich das Vorstellungskonstrukt stets auf andere Menschen. Deshalb ist auch der Ich-Erzähler im ersten Moment überrascht und zugleich überfordert – dabei müsste er eigentlich nur „mitkommen“.

Doch ganz so einfach wird es dem Tod nicht gemacht, plötzlich klingelt es wieder – eine Begebenheit, die im Arbeitsablauf des Todes eigentlich nicht gangbar ist: „Niemand KANN klingeln, wenn ich arbeite. Das ist sozusagen… nicht vorgesehen!“ Dieses Mal steht Sophia vor der Tür, die Ex-Freundin des Ich-Erzählers, die ihn abholen wollte, um seine Mutter zu besuchen. Dieser nicht eingeplante Bruch im Sterbeablauf beschert dem Hauptcharakter zugleich eine Verlängerung seines Lebens, so dass aus den drei disponierten Minuten letztlich drei Tage werden – zum Vorteil des Lesers, schließlich entwickelt sich ab hier eine wirklich lustige, humorvolle Reise und zugleich ein Plädoyer, das Leben zu genießen. Der Tod ist dem Ich-Erzähler ein ständiger Begleiter auf dieser letzten Reise, sowohl in die nächstgelegene Kneipe als auch später zur Mutter. Sophia gesellt sich ebenfalls fortan dazu, sie ist unbewusst eine Schicksalsgemeinschaft eingegangen, weil sie sterben würden, sobald sie sich von den Beiden entfernt. Dabei steht ihr zunächst einzig der Sinn danach, dem Ich-Erzähler die Fehler seines Lebens vorzuhalten, wie beispielsweise eine gescheiterte Beziehung, aus der er einen Sohn hat, den er seit der Trennung allerdings nie zu Gesicht bekam.

„Die niederschmetternde Stringenz, mit der Sophia gerade meine letzten neun Jahre wiedergegeben hatte, war in ihrer lyrischen Scharfzüngigkeit genauso wundervoll wie frustrierend, so peinlich wie wahr.“

Trotzdem kann der Erzähler – der die gesamte Geschichte über namenlos bleibt – nicht anders, als Sophia zu verehren. Das Buch ist streckenweise eine Ode an die Liebe, an das Verliebtsein und zugleich an Frauen, vielmehr speziell an eine Frau: „Sie war wie ein unvergessliches Fußballspiel, bei dem das Ergebnis egal war. Hauptsache, man war dabei gewesen.“ Selbstverständlich dürfen zahlreiche Wortspiele in Bezug auf den Tod nicht fehlen, auch wenn manche durchaus mit dem Vorschlaghammer in die Geschichte eingeprügelt werden. Eines meiner liebsten ist bei der ersten Begegnung mit der Mutter des Ich-Erzählers, die das Trio am Bahnsteig abholt, wo es herbstlich-windig ist: „So, dann fahren wir mal nach Hause, bevor wir uns hier noch den Tod holen!“ Und auch sie begibt sich mit auf die letzte Reise, zu Johnny, dem unbekannten Sohn.

Später stellt sich heraus, dass die Lebenszeit des Ich-Erzählers nur dadurch verlängert wurde, dass der Tod um seinen Job bangen muss, schließlich gibt es stets Konkurrenten, von denen einer nun vehement versucht, den Tod als Todesnachrichtüberbringer und Zumtodeverurteiltenabholer zu verdrängen. Der Gegenspieler will stattdessen die Mutter oder alternativ Johnny mit sich nehmen. Erst dieses Dilemma bringt den Ich-Erzähler dazu, seiner Mutter zu sagen, dass er sterben wird.

„Und wenn glückliche Momente selten sind, erinnert man sich umso stärker an sie […]. Ich fragte mich, ob das nicht sogar besser war als ewiges Glück.“

Alles in allem hat Sophia, der Tod und ich mich wunderbar unterhalten, insbesondere die schwarzhumorige Situationskomik zeichnet Thees Uhlmanns Buch aus und macht es einfach lesenswert – schließlich zeigt er, dass man sich dem Thema nicht immer bierernst nähern muss. Da ich kein absoluter Fantasyfan bin, hätte ich auf die Kampfszenen zwischen den beiden Toden verzichten können. Nichtsdestotrotz ist der Roman eine wirklich spaßige Geschichte mit vielen amüsanten Dialogen.

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2 Kommentare zu “Sterben kann so lustig sein

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