Flüchtlinge werden sichtbar – das muss ausgezeichnet werden

Erpenbeck Buchpreis Knaus VerlagWie sichtbar ist Leid, wenn der Blick hierfür nicht geschärft ist? Dieser Frage geht Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ nach. Die Schriftstellerin gilt als Favoritin auf den Deutschen Buchpreis, der heute Abend verliehen wird – zu Recht. Im Vorlauf auf die Bekanntgabe des Preisträgers wurde der Roman durchaus kritisch betrachtet, er wirke überholt (Deutschlandradio Kultur), vieles sei falsch an dem Roman („kein einziger Antisemit, kein einziger Gewalttäter, keiner, der übergriffig wird, vielleicht einer, der stiehlt“, WELT). Doch selbst, wenn der Roman womöglich nicht ganz zu Ende gedacht ist, gebührt ihm der Buchpreis – vielleicht nicht zwingend dem Roman selbst, aber zumindest Thematik, die – trotz aller übertriebener Empathie von Erpenbecks Hauptfigur Richard mit den Flüchtlingen – weiterhin im Blickfeld bleiben muss.

„We become visible“ hatten die Flüchtlinge auf dem Berliner Oranienplatz auf ihrem Schild stehen. Doch Richard, ein kürzlich pensionierter Altphilologe, geht bei seiner ersten „Begegnung“ mit den Campierenden vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Eher beiläufig bemerkt er die Menschentraube, die von der Polizei verhört wurde, während er auf dem Weg zu einem befreundeten Archäologen ist. Sinnbildlich für die Belanglosigkeit, mit der Richards Alltag seit seiner Pensionierung gefüllt ist, steht sein Blick zurück: Als die innerdeutsche Grenze geöffnet wurde, konnte er nicht etwa die Freude der Menschen nachvollziehen, für ihn zählte lediglich, dass er hierdurch erstmals weniger als zwanzig Minuten für den Weg zur Uni brauchte. Unvermeidlich fragt man sich: Hat Richard überhaupt einen Blick für das Bedeutende?

(c) IESM / pixelio.de

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Erpenbeck zeichnet das Bild eines zweifelnden Mannes. Angesichts der neuen Lebensphase ist Richard auf der Suche nach einer neuen Ordnung für seinen Alltag, um der Leere zu entgehen: „Er muss aufpassen, dass er nicht irre wird, wenn er jetzt ganze Tage allein ist und mit niemanden spricht.“ Es zeigt die Banalität des Alltäglichen, aus der das Leid der Flüchtlinge heraussticht. Richard versucht dem zu begegnen, indem er mehr über das Leben, die Flucht und die Zukunftshoffnungen der Flüchtlinge wissen möchte und fortan in die Flüchtlingsunterkunft, in welche die Oranienplatz-Protestierer inzwischen umquartiert wurden, geht, um mit den Bewohnern zu sprechen. Er erfährt von vielen Einzelschicksalen, wie das von Awad aus Ghana, dessen Mutter einen Tag nach seiner Geburt starb, der daraufhin bei den Großeltern aufwuchs, später bei seinem Vater in Libyen, der wiederum erschossen wurde während Awad mitten im Krieg feststeckte.

„Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nur in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, den nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?“

Wie befremdlich die Situation für Richard ist, zeigt sich im Umgang mit der dunkelhäutigen Deutschlehrerin, die die Flüchtlinge unterrichtet, deren Handeln er jedoch stets hinterfragt und nach ihrer „wahren“ Intention sucht – will sie lediglich auf diese Weise einen (dunkelhäutigen) Mann kennenlernen? Erpenbeck bedient durchaus auch die gängigen Vorurteile, zumeist allerdings nicht in Person ihres Hauptcharakters, sondern durch Richards Freunde: Schwarze schleppten doch Krankheiten ein. Erst nach und nach distanziert Richard sich von diesen Freunden und bindet vielmehr die Flüchtlinge immer mehr in seinen Alltag ein, lässt sie zunächst nur Gartenarbeit erledigen oder bringt ihnen Klavier spielen bei, später lässt er sie sogar bei sich unterkommen.

„Gehen, ging, gegangen“ steht zugleich für die Absurdität des Flüchtlingsalltags. Während die Geflüchteten unter allen Umständen in Deutschland bleiben möchten, die Sprache – und dabei natürlich auch das Konjugieren – lernen und am liebsten einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen würden, versucht die Bürokratie, sie eher schnellstens wieder los zu werden. Doch auch wenn Jenny Erpenbeck sich bei Schreiben ihres Romans mit einer Situation befasste, in der die heutigen Flüchtlingszahlen und die damit zu lösenden Probleme noch nicht absehbar waren und sie deshalb auch keinen Lösungsansatz für die Flüchtlingssituation aufzeigt, so macht sie die Geschichte jedes Einzelnen sichtbar und greifbar – und das verdient eine Auszeichnung.

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